23.
Juli
2015
Als das Internet laufen lernte: Bestellen per Bildschirmtext

Als das Internet laufen lernte: Bestellen per Bildschirmtext

  Redaktion ottogroupunterwegs
(Admin)

„Früher war mehr Lametta!“, stellte Loriots Kult-Charakter Opa Hoppenstedt einst fest. Denkt man an die Anfänge des Online-Handels zurück, muss man unweigerlich zugeben, dass dieser tatsächlich mal einen immensen Glamour-Faktor hatte. Über den Fernseher Waren bestellen? Völlig verrückt! Heute sprechen wir wie selbstverständlich von Omnichannel, Shop-Virtualisierung und Predictive Applications. Doch wie war das damals eigentlich? Als der E-Commerce laufen lernte? 

Berlin, 1977, Internationale Funkausstellung: Der damalige Postminister Kurt Gscheidle kündigt seine Pläne für ein deutsches Bildschirmtext (BTX)-Netz an, basierend auf dem britischen Viewdata-System. Zwei Jahre später meldet sich die neuartige Technologie mit einem Feldversuch zurück, für den sich zum Start über 100 Firmen angemeldet haben – darunter OTTO (damals noch „OTTO-Versand“) mit seinem „Telemarkt“. Jeweils 2.000 Teilnehmer in Berlin (West) und Düsseldorf sollten das System ab 1980 testen. Heißt: Überweisungen tätigen, Fahrpläne abrufen, Waren bestellen u.v.m. 1983 wurde BTX schließlich bundesweit zur Verfügung gestellt. Die Zahl der teilnehmenden Firmen stieg auf über 300.

Durch den Verbund der Bildschirmtextrechner der Deutschen Bundespost in Berlin und Düsseldorf mit Firmencomputern wurde Privatpersonen erstmals eine in der Welt einmalige Dialogmöglichkeit mit Großrechenanlagen ermöglicht. Entscheidend für die Qualität des Rechnerverbundes waren insbesondere der schnelle Bildaufbau und kurze Antwortzeiten. Diese Voraussetzungen erfüllte OTTO, das als einziger Anbieter seinen Rechner über die sogenannte X-25-Schnittstelle unmittelbar an den Post-Computer angeschlossen hatte.

Der Bestelldialog selbst gestaltete sich für den OTTO-Kunden denkbar einfach: So wurde ihm vom OTTO-Computer stets angezeigt, welche Dateneingabe als nächste vorzunehmen ist. Damit Fehler vermieden werden konnten, erschienen nach der Eingabe von Artikelnummer, Größe und Menge die genaue Bezeichnung der bestellten Ware und der Preis. Erst danach entschied der Kunde, ob er den gewünschten Artikel beziehen möchte.

Klares Manko: Aufgrund der begrenzten Farbpalette und der Beschränkung auf grobrasterige Darstellungen fehlte dem Bildschirmtext das inspirative Element und hinkte dem Katalog in Sachen Emotion klar hinterher.

Bis zu seinem Austritt aus dem „BTX-Business“ im Jahr 1999 baute OTTO einen 1.500 Seiten umfassenden „Telemarkt“ auf. Zwei Jahre später wurde BTX schließlich offiziell abgeschaltet. Die Bilanz: mau. Ursprünglich hatte man damit gerechnet, dass bis 1986 mindestens eine Million BTX-Nutzer am Netz hängen würden. Stattdessen waren es gerade einmal 60.000. Zwei Jahre später hatte sich die Zahl der BTX-Nutzer nur knapp verdoppelt. Ein Grund waren die hohen Anschaffungskosten: In Deutschland erforderte BTX anfangs spezielle Hardware, die bei der Post gekauft oder gemietet werden musste. Neupreis: 2.000 D-Mark. Hinzu kamen eine monatliche Grundgebühr sowie eine Einrichtungsgebühr in Höhe von 55 D-Mark. Später verdrängte das Internet BTX ins digitale Nirvana.


Gut zu wissen: Einen direkten Dialog mit dem Zentralcomputer ermöglichte OTTO als erstes Versandunternehmen seinen Kunden bereits 1977: Mit dem Telefix-System unter Einsatz der Sprachausgabe vom Computer in Ergänzung zur telefonischen Bestellabwicklung. Mit einem taschenrechner-großen Eingabegerät wurden die Bestelldaten vom Kunden eingetastet und per Telefon direkt vom OTTO-Großrechner in Hamburg erfasst und verarbeitet. Dabei führte der Computer den Bestelldialog mit menschlicher Stimme – die standardisierten Ansagen wurden von Tagesschau-Sprecher Werner Veigel eingesprochen. Bis Ende 1979 nutzten rund 4.500 Großkunden das Telefix, um ihre Bestellungen abzuschicken.



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