24.
August
2016
Klingelbeutel 2.0: Sinn und Unsinn von Crowdfunding

Klingelbeutel 2.0: Sinn und Unsinn von Crowdfunding

  Nachgefragt bei Jonathan Becker
(Vice President e.ventures)

Seien es Produkte, Dienstleistungen, Musik-Alben, Filme oder andere Ideen, die offensichtlich keiner braucht: Wer etwas schaffen und auf den Markt bringen möchte, benötigt Kapital. Woher nehmen? Als Option hat sich in den vergangenen Jahren das Crowdfunding etabliert. Ab 2006 nahm die Verwendung des Begriffs stetig zu. Beim Crowdfunding sammeln angehende Unternehmer online innerhalb der „Crowd“, also einer möglichst großen Zahl zumeist privater Investoren, das benötigte Kapital ein. Mittlerweile haben sich zahlreiche Plattformen für die Vermittlung zwischen Unternehmern und Investoren gebildet, die international bekannteste ist sicherlich kickstarter.com. Hier wurde beispielsweise die erste Finanzierung für die Datenbrille Oculus Rift erreicht.

Lohnt sich Crowdfunding?

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 wurden in Deutschland durch Crowdfunding 67,7 Millionen Euro eingesammelt, weltweit werden für 2016 gar 3,8 Milliarden Euro erwartet, für 2020 werden derzeit 16 Milliarden Euro prognostiziert. Besonders stark wachsen derzeit Investitionen in Immobilien. Doch es gibt vermehrt auch kritische Stimmen: So betitelt Der Spiegel in der Ausgabe 34/2016 einen Artikel zum Thema mit „Sauercrowd“ und argumentiert, dass zwar die erste Finanzierung über Crowdfunding funktionieren möge, aber viele Unternehmen anschließend ins Straucheln gerieten. Und gerade auch für die Anleger bestünden zu hohe Risiken bei nur wenigen Rechten, viele würden ihr investiertes Geld verlieren.

Crowdfunding als Ergänzung zu Venture Capital?

Ist also die Kapitalbeschaffung über Crowdfunding sinnvoll oder nicht? Im Bereich der Start-up-Finanzierung ist die Otto Group unter anderem als Hauptinvestor beim international aufgestellten Frühphasen-Investor e.ventures aktiv. Wir haben bei Vice President Jonathan Becker nachgefragt, wie seine Einschätzung zum Thema Crowdfunding lautet. 


Jonathan, wie siehst du das Phänomen „Crowdfunding“?

Jonathan Becker, e.venturesJonathan Becker: Crowdfunding erfreut sich immer größerer Beliebtheit und ist heute eine valide Finanzierungsmöglichkeit für Unternehmer. Grundsätzlich muss man zwischen „Reward Based“ und „Equity Based“ Crowdfunding unterscheiden. Beim „Reward Based“ Crowdfunding werden in der Regel Projekte von der Crowd möglich gemacht mit dem Ziel, das Produkt beispielsweise als einer der ersten zu erhalten. Beim „Equity Based“ Crowdfunding erwirbt die Crowd einen Anteil am Unternehmen und profitiert an späteren Wertsteigerungen, dies hat eher den Charakter einer Geldanlage. Man sollte sich jedoch als Crowdinvestor darauf einstellen, das investierte Kapital komplett verlieren zu können. Es sind bereits etliche große Kampagnen gescheitert, ohne dass die Produkte ausgeliefert bzw. dass Investments zurückgezahlt wurden. Die Ausfallwahrscheinlichkeit beim „Equity Based“ Crowdfunding ist sogar noch höher. Aus unserer Sicht sind insbesondere Investments beim „Equity Based“ Crowdfunding für Privatpersonen viel zu risikoreich und eignen sich daher nicht als nachhaltige Geldanlage.


Ist Crowdfunding für junge Unternehmer eine relevante Option? Für wen ist Crowdfunding denkbar?

Jonathan Becker: Insbesondere für Hardware-Produkte ist heute „Reward Based“ Crowdfunding auf Plattformen wie kickstarter.com eine attraktive Alternative, um als Unternehmer den generellen Bedarf auf Konsumentenseite zu validieren und ein erstes Startkapital für die Produktentwicklung zu bekommen. Viele erfolgreiche Hardware-Projekte bekommen anschließend eine Finanzierung durch etablierte Venture Capital Investoren.


Seht ihr Crowdfunding als eine relevante Konkurrenz für e.ventures oder gibt es eher Synergien?

Jonathan Becker: Crowdfunding ist generell schwer mit Venture Capital zu vergleichen. Als professioneller Venture Capital Fonds bieten wir den Unternehmern neben dem Kapital auch aktive Hilfe beim Aufbau des Unternehmens, Zugang zu unserem Netzwerk, operativen Support, zum Beispiel in dem Bereich Online Marketing, sowie Hilfe bei Anschlussfinanzierungen und Exits. Beim „Equity Based“ Crowdfunding haben wir leider häufig die Situation, dass das Vertragswerk eine Anschlussfinanzierung für Venture Capital Fonds unmöglich macht. Das ist vielen Unternehmern zum Zeitpunkt des Crowdfundings so nicht bewusst. Das „Reward Based“ Crowdfunding auf Plattformen wie kickstarter.com können wir generell aber uneingeschränkt als Ergänzung zu Venture Capital empfehlen.


Wie ist Ihre Meinung zu Crowdfunding? Wir freuen uns über Kommentare oder Tweets!

Folgen Sie auf Twitter auch @eventuresVC und @JonathanBecker.  



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