20.
März
2015
Von Nahtod Geschichten

Von Nahtod Geschichten

  Thomas Voigt
(Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation, Otto Group)

„Alarmstufe: Rot“ titelt das „Manager-Magazin“ in seiner aktuellen Ausgabe über die Otto Group. Wie immer haben die Kollegen ein paar gut recherchierte Fakten, eine kräftige Prise Häme über das Spitzenpersonal und eine Menge wilde Spekulationen zu einer frischen Skandal-Geschichte über die Unternehmensgruppe zusammengerührt.

Thomas Voigt„Nun reg‘ dich doch nicht auf“, höre ich die Kollegen anderer Firmen sagen, „diesmal seid eben ihr mal wieder an der Reihe“. In der Tat zähle ich in den vergangenen gut zehn Jahren vier solcher Nahtod-Geschichten über die Otto Group im „Manager-Magazin“. Immer von denselben Autoren, die sich eigentlich wundern müssten, dass es die Otto Group noch gibt. Unterbrochen wurde die Nekrolog-Reihe nur 2012, als die Inauguration unseres Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Michael Otto in den Manager-Magazin-Olymp „Hall of Fame“ beschrieben wurde. Sei’s drum.

Doch bei der diesjährigen Alarmstufen-Story ist einiges anders: Die vermeintlich investigativ recherchierten Fakten standen so gut wie alle schon in einem Interview, das unser Vorstandschef Hans-Otto Schrader vor kurzem dem „Handelsblatt“ gegeben hatte. Und die Spekulation über einen vermeintlichen Verlust der Otto Group hatte bereits im Dezember das Konkurrenzblatt „Bilanz“ exklusiv. Bleibt noch die angebliche Neuigkeit, dass Hans-Otto Schrader über das Vertragsende 2016 hinaus dem Unternehmen erhalten bleibt. Weil er den Laden nicht im Griff hat, wie das „Manager-Magazin“ spekuliert? Auch egal. Fakt ist, dass über die Nachfolge an der Spitze definitiv noch nicht entschieden wurde und wird.

Was das Alarmstufen-Drama aber zu einer Story macht, die sich prototypisch auf kurz oder lang gegen das Blatt selbst richten könnte, ist die inhärente Verliebtheit in vordergründige Narrative. Offenbar ist das „Manager-Magazin“ wie weite Teile der Wirtschaftspresse aus ihrer erkennbaren Opferrolle heraus nur schwer in der Lage, sich vom selbst erlebten Drohszenario großer US-amerikanischer Konkurrenten zu lösen. Auf den Handel projiziert: Statt die Kernfrage zu stellen, wie ein aus Deutschland stammendes, familiendominiertes Unternehmen namens Otto Group es überhaupt schaffen konnte, deutscher Marktführer im E-Commerce für Mode und Möbel und international die Nummer zwei hinter Amazon zu werden und dabei über Jahre gutes Geld zu verdienen, wird streng vermieden.

Dann käme man, wie zeitgleich das Konkurrenzblatt „Capital“ in seiner aktuellen Ausgabe spannend zeigt, sehr schnell zu den wahren Herausforderungen dessen, was die viel beschworene digitale Transformation den Unternehmen und ihren Mitarbeitern in Wahrheit abverlangt: Permanenten Wandel, flexible Strukturen und sehr agile, eigenverantwortliche Prozesse. Die Diskussion darüber – samt aller Irrungen und Wirrungen – findet in Fachblogs und Foren längst öffentlich, beinhart kritisch zumeist aus wirklich erster Hand statt. Und zuletzt: In einer so epochalen Transformation bemüht sich Dr. Michael Otto als wertorientierter Unternehmer seit Jahren, der zunehmend kapitalmarktorientierten Konkurrenz die soziale Schulter zu zeigen, indem er bei nötigen Umstrukturierungen auf Augenmaß und gegen betriebsbedingte Kündigungen kämpft. Den Weg dahin kann man kritisieren, aber das Ziel, wie es das „Manager-Magazin“ in dem Artikel hämisch tut? Verehrte Kollegen, das sollte für euch Alarmstufe sein, und zwar tiefrot.



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Kommentare

  • Benjamin Eggerstedt

    "Vielen Dank für diesen Blog. Ich habe mich als ehemaliger Mitarbeiter von OTTO sehr über den "Bericht" des Manager Magazins geärgert und freue mich dass man es nicht einfach hinnimmt. Ihnen allen weiterhin alles Gute."

    28. März 2015 12:55
  • Dr. Gunter Woelky

    "Über diesen Artikel habe ich nicht nur deshalb gefreut, weil ich dessen Inhalt gut bestätigen kann (ich arbeite seit Jahren als freier Berater für die Otto Group), sondern weil er uns implizit etwas über die Lust des Journalismus (den Ausdruck "Journalie" vermeide ich hier) erzählt. Leider haben manche "Kollegen" der schreibenden Zunft keinen anderen kreativen Zugang zu der Welt, die die beobachten und beschreiben, als den des Schlechtmachens, Meckerns und Diffamierens. Bringt Auflage? Nein, auch das nicht mehr. Lust am Untergangszenario? Schon eher. Meistens aber doch eben nur: keine Ideen. Traurig, das Ding nennt sich Manager-Magazin. Nichts mehr für Manager?
    So viel zu meinem Gemecker. Und danke für den erfrischend positiven Beitrag von Thomas Vogt. Ich kenne nicht viele Unternehmen, die seit Jahrzehnten immer wieder die Kraft haben, sich neu zu erfinden oder sich rundzuerneuern, wie das bei der Otto Group zu beobachten ist. "

    21. März 2015 09:31

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