09.
Mai
2016
Startups und die Altersfrage

Startups und die Altersfrage

  Redaktion ottogroupunterwegs
(Admin)

Wie alt „darf“ man als Startup-GründerIn sein? Diese Frage umtreibt uns seit Erscheinen des lesenswerten Portraits über Ratepay-CEO Miriam Wohlfarth in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 01.05.2016. Mit fast 40 Jahren ging sie mit Ratepay – das inzwischen vollständig zur Otto Group gehört – an den Start. „Nicht mehr die Jüngste“ sei sie damit gewesen, heißt es im FAS-Text.   

Gewagte These oder Tatsache?   

Rein faktisch betrachtet ist ein Gründungsalter um die 40 tatsächlich eher außergewöhnlich: Dem vom Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) herausgegeben Startup Monitor 2015 zufolge gründen Startup-Unternehmer ihre erste Firma im Schnitt mit 29,1 Jahren, Frauen durchschnittlich sogar 2,3 Jahre später als Männer. Knapp 14 Prozent aller Startup-­Gründer sind 45 Jahre alt und älter.   

Aber: Ist jünger auch gleich besser?   

„Das ideale Alter gibt es in meinen Augen nicht“, sagt Nora Heer, Mitgründerin und Geschäftsführerin von Loopline Systems, Anbieter für intelligente HR-Software und Ausgründung des Berliner VCs Project A Ventures. Die Expertin für neue Team- und Führungsmodelle weiter: „Entscheidend ist die Zusammensetzung des Gründerteams, die Materie und der Markt, in dem sich ein Startup bewegt, die eigene Person und auch die Generation spielen eine Rolle. Ich war 34 Jahre alt, als ich vor zwei Jahren mein Unternehmen Loopline Systems gegründet habe, mein Partner Christian Kaller 27. Wir waren beide erwachsen, hatten die nötige Energie und sich gut ergänzende Perspektiven. Voraussetzung für Gründer ist die innere Haltung. Kann ich mein Tun kritisch hinterfragen, ständig lernen, zupacken und am richtigen Punkt loslassen?“   

Paul Becker, Nora Heer und Tijen Onaran (v.l.n.r.)
Paul Becker, Nora Heer und Tijen Onaran (v.l.n.r.)

Paul Becker, 24, Co-Gründer von Liqid, einer datengetriebenen Plattform für private Vermögensverwaltung, schließt sich Nora Heer weitgehend an: "DAS perfekte Gründeralter gibt es nicht. Ausschlaggebend sind neben der individuellen Persönlichkeit und Bereitschaft sicherlich auch die Eckdaten des Gründungsvorhabens: Finanzierung, Business Model, Branche, Partnerschaften, etc. In unserem Fall, als FinTech-Unternehmen im Bereich der privaten Vermögensverwaltung, hat sich eine Kombination von Jung und Alt als richtiger Weg herausgestellt: Von meinen vier Mitgründern sind zwei Mitte 20 und zwei Anfang 40."

„Mut, Ideen und Tatendrang sind entscheidend fürs Gründen – nicht das Alter. Klar ist doch: Mit 25 habe ich eine andere Lebenswirklichkeit als mit 50, daher ist doch mein Startup, das ich jung gründe vielleicht ein anderes als eines, das ich später gründe. Dabei hat jedes Lebensalter seine eigene Handschrift und eigenen Bedürfnisse. Gründen ist so voller Diversität und bringt gesellschaftspolitisch völlig neue Aspekte. Dazu brauchen wir weniger Anti-, sondern mehr Pro-Debatten“,  sagt Tijen Onaran, 31, Gründerin und Managing Director von startupaffairs sowie Initiatorin und Vorsitzende des Vereins Women in Digital e.V.

Mit fast 40 ein "alter Gründungs-Hase"? 
Miriam Wohlfarth von Ratepay
Mit fast 40 ein "alter Gründungs-Hase"?
Miriam Wohlfarth von Ratepay

These: Startup-Szene wird älter und weiblicher 

Soweit so gut. Aber wie steht es um das Thema Führung? Haben ältere Gründer hier naturgemäß nicht klare Vorteile gegenüber „jungen Hüpfern“ – Stichwort Lebenserfahrung?  

Nora Heer: „Ich würde bei älteren Gründern gerne arbeiten, gerade als junges Talent. In der Führung von Mitarbeitern ist sehr wichtig, sich selbst zu kennen, über das eigene Bauchgefühl hinaus zu denken und Potenzial zu erahnen. Ich glaube, mit der zunehmenden Professionalisierung der Gründerszene wird sich unser Bild des typischen Gründers sowieso verändern. Ich wage mal die These, dass es etwas älter wird und etwas weiblicher.“   

Und Miriam Wohlfarth? Die heute 46-Jährige nimmt es mit Humor und sagt: „Den Titel ‚jüngste Gründerin Deutschlands‘ werde ich wohl nicht mehr für mich beanspruchen können, aber ‚Geschäftsführerin eines Payment-Pioniers‘ – das ist doch auch schon was.“  



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