29.
November
2017
„Wir brauchen eine neue Geisteshaltung“

„Wir brauchen eine neue Geisteshaltung“

  Nachgefragt bei Petra Scharner-Wolff
(Konzern-Vorständin Finanzen, Controlling, Personal Otto Group)

Petra, Du trittst am 30. November bei der Work Awesome Konferenz in Berlin zu dem Thema „Zukunft der Arbeit“ als Rednerin auf. Was macht für Dich die neue Arbeitswelt aus?

„Um im Zuge der Digitalisierung mit der dramatisch erhöhten Schnelligkeit weiterhin erfolgreich zu sein, erfordert es neue Arbeitsweisen und eine völlig neue Geisteshaltung: Man muss stärker bereit sein, sich über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg zu öffnen und zu vernetzen, man muss die eigene Lust auf Neues stärken. Man muss die Kolleginnen und Kollegen stärker als Quelle der Inspiration verstehen und sich im Team und auch darüber hinaus immer wieder gegenseitig unterstützen und befähigen, um gemeinsam die besten Lösungen für die Kundinnen und Kunden zu erarbeiten. Das ist die Basis, um die digitale Transformation in einem Unternehmen vorantreiben zu können. Und das ist auch die Zukunft der Arbeit in der Otto Group.“

Petra Scharner-Wolff

Der Grund dafür – Du sprachst es an – ist vor allem der digitale Wandel. Was sind die konkreten Auswirkungen der Digitalisierung auf die Otto Group, auf die gesamte Branche?

„Die Digitalisierung ist aus unserer Sicht mehr als ein technologischer Trend, es ist eher eine digitale Revolution, die alle Lebensbereiche erfasst und zu erheblichen Umwälzungen führen wird, die heute erst in Umrissen erkennbar sind. Die Erfindung des Smartphones 2007 und die milliardenfache Nutzung sozialer Medien haben eine ungeheure Transparenz in die Märkte gebracht. Neue Technologien werden zum Treiber neuer Geschäftsmodelle, die für die bestehenden Märkte disruptive Veränderungskraft bedeuten. Das heißt für die Handelsbranche: Nicht der reine Marktanteil des Onlinehandels zwingt etablierte Händler zur Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle, sondern die Leitfunktion von Plattformen wie Amazon für die Sortiments- und Preisorientierung. 30 Prozent aller Onlinekäufer nutzen Amazon bereits als Suchmaschine.“


Wie willst Du dem etwas entgegensetzen?

„Die Wünsche der Kunden verändern sich genauso rasant wie die neuen Technologien. Um im Wettbewerb bestehen zu können, müssen wir in der Lage sein, uns diesen Wünsche ebenso rasend schnell anzupassen. Stichworte sind hier Customer Centricity und eine hohe Agilität innerhalb des Unternehmens, die wir herstellen möchten. In Zukunft geht es nicht mehr um Online oder Offline, sondern nur noch darum, in der Customer Journey der Konsumenten eine digitale Relevanz zu haben. Unternehmen wie wir müssen sich daher aus meiner Sicht neu erfinden und eine hohe Digitalkompetenz aufbauen. Dies geschieht beispielsweise durch die Digitalisierung von Geschäftsbereichen und -prozessen und durch den Know-how-Transfer mit Start-ups innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Aber es ist eben nicht nur eine Frage des Verhaltens, sondern hat vor allem etwas damit zu tun, dass sich – wie gesagt – die Kultur in Unternehmen verändern muss.“


Was bedeutet das ganz konkret für die Arbeit in der Otto Group? Was musste und muss sich innerhalb der Organisation ändern?

„Zunächst einmal brauchen wir in unseren Unternehmen junge Treiber mit hoher digitaler Expertise und fachlichem Know-how, die unverfroren, unerschrocken und unkonventionell sind. Wir müssen ihnen den Raum geben, sich zu entwickeln, Neues auszuprobieren und Verantwortung zu übernehmen. Wir brauchen insgesamt mehr Offenheit, Transparenz und Schnelligkeit, eine veränderte Fehlerkultur, kürzere Entscheidungswege, die Abschaffung von Herrschaftswissen und eine Akzeptanz des Kontrollverlustes, denn Entscheidungen müssen heute einfach schneller gefällt und umgesetzt werden.“


Klingt alles sehr gut, aber wie schafft man das?

„Wir müssen uns als Unternehmen neu erfinden. Aus diesem Grund haben Gesellschafter und Vorstand der Otto Group Ende 2015 den Kulturwandel 4.0 eingeleitet. Wir haben uns gefragt: Wie kann ein Familienunternehmen mit einer langjährigen Händler-DNA eigentlich in einem digital getriebenen Umfeld bestehen? Wie können wir die Zukunft unseres Unternehmens sichern? Unsere Antwort: Das geht nur mit einer neuen Geisteshaltung. Wenn wir in unserem Kulturwandelprozess davon sprechen, dass wir neue Werte in unserer Unternehmensgruppe verbreiten wollen, heißt das allerdings nicht, dass wir alle alten über Bord werfen. Aber die digitale Transformation erfordert es schlicht, dass wir Themen wie Transparenz, Offenheit, Neugier, Mut, Selbstverwirklichung und Freiräume noch stärker leben und fördern. Mein Anspruch ist es, dass die Otto Group mit ihrer kulturellen Identität und ihren Leitplanken zu einem „Sehnsuchtsort“ für Kolleginnen und Kollegen wird. Ganz konkret werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Workshops, über Aktionen, Vernetzungsformate und die direkte Ansprache ermutigt, ihre Ideen einzubringen und den gewünschten Veränderungsprozess aktiv mitzugestalten. Führungskräfte werden dabei immer mehr zu Enablern, die ihre Mitarbeiter bei der Umsetzung ihrer Aufgaben unterstützen, kreative Ideen fördern und Prozesse steuern, statt nur zu kontrollieren.“


Das heißt auch die Führung des Unternehmens muss sich stark ändern?

„Der Kulturwandel in der Otto Group ist tatsächlich ein Prozess, der auf einem völlig veränderten Führungsverständnis basiert: Mitarbeiter bekommen und übernehmen immer mehr eigene Verantwortung. Das muss auch so sein. Die Zeiten, in denen Vorgesetzte gut ausgebildeten jungen Mitarbeitern nach dem Prinzip „Command & Control“ erfolgreich führen konnten, sind schlicht vorbei. Es wird heute viel offener und auf Augenhöhe diskutiert. Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen tauschen sich bei uns mit Führungskräften bis hin zum Vorstand in sogenannten Workstreams aus. Sie hinterfragen dort Arbeitsprozesse, äußern Vorschläge, wie der Konzern schneller agieren könnte und erarbeiten gemeinsam Positionen zu den verschiedenen Herausforderungen. Neue Ideen zu den Kernthemen schnellstmöglich zu entdecken und diese ebenso schnell auf ihre Umsetzungstauglichkeit hin zu prüfen, ist das Ziel dabei.“


Wenn wir jetzt mal etwas weiter in die Zukunft der Arbeit schauen, was sind die für Dich heute schon absehbaren Veränderungen, die das Geschäft von und die Arbeit bei der Otto Group maßgeblich verändern werden? Inwiefern beschäftigst Du Dich gezielt damit?

„Die Auflösung gängiger Arbeitsmodelle und Arbeitsräume hat längst begonnen. Und auch in Zukunft werden Themen wie Büroarchitektur, Flexoffice und agiles Miteinander weiter an Bedeutung gewinnen. So haben wir kürzlich eine Betriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten geschlossen. Es werden neue Jobprofile entstehen und alte abgelöst. Und damit meine ich nicht, dass wir es künftig – zwar vermehrt – aber nicht nur noch mit „Kollege Roboter“ zu tun haben, sondern beispielsweise die Entstehung neuer Ausbildungsberufe wie etwa den des Digitalkaufmanns. In Bezug auf unser Geschäft wissen wir, dass die Marktmacht in Zukunft noch stärker als heute beim Kunden liegen wird. Das Rennen wird in den Servicedienstleistungen gemacht werden. Die neuen Technologien helfen uns extrem dabei, unseren Kunden noch näher zu kommen und ihre Bedürfnisse noch besser zu verstehen. Durch die sozialen Medien haben wir einen so unmittelbaren Dialog wie nie zuvor.“


Wenn Du auf die deutsche Wirtschaft blickst, gerade auch im internationalen Vergleich, bist Du da eher optimistisch oder eher pessimistisch, dass wir die digitale Transformation in Deutschland gut bewältigen?

„Ich bin optimistisch, sofern das Thema der digitalen Zukunft in naher Zukunft noch stärker auf die politische Agenda kommt und dort fest verankert wird. Aufgrund der guten Wirtschaftslage und der tatsächlich niedrigen Arbeitslosigkeit wird momentan eher noch diskutiert, wie der heutige Wohlstand gerechter zu verteilen ist, statt die Frage ins Zentrum zu rücken, wie wir unsere insgesamt sehr guten Rahmenbedingungen künftig halten und weiter verbessern können. Bildung, Netzausbau, Datensicherheit sind dafür die wesentlichen Schlagworte. Ich denke, wenn wir hier gemeinsam vorankommen – also Politik und Wirtschaft – kann die digitale Transformation für alle gelingen.“


Petra Scharner-Wolff ist im Otto Group Konzern-Vorstand zuständig für die Themen Finanzen, Controlling und Personal. Das Interview führte Lars Gaede, Veranstalter der Konferenz Work Awesome, die am 30. November 2017 in Berlin und damit erstmals in Deutschland stattfindet. In New York bereits etabliert, verknüpft sie spannende Experten und neueste Ideen zur Zukunft der Arbeit – von künstlicher Intelligenz über data-driven Human Resources bis zum Arbeitsplatz der Zukunft: www.workawesome.de (Vorträge werden per Livestream übertragen).



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