20.
Februar
2015
Barthel bloggt: Als CR-Managerin unterwegs in Asien - Teil 2

Barthel bloggt: Als CR-Managerin unterwegs in Asien - Teil 2

  Maren Barthel
(Corporate Responsibility Managerin für die Otto Group )

Nachdem ich im Januar über meine Erfahrungen als Geschäftsfrau in Bangladesch gebloggt habe, geht die Reise heute weiter nach China. Dort, wo ein Großteil der Produkte für die Otto Group hergestellt wird, unterstützen wir bereits seit vielen Jahren die Lieferanten dabei, sozialverträgliche Arbeitsbedingungen sicherzustellen und umweltschützende Maßnahmen umzusetzen.

CR-Managerin Maren Barthel

Es bedarf dabei viel Disziplin und Durchhaltevermögen, aber auch Geduld und Verständnis, um in Zusammenarbeit mit den Lieferanten die Einhaltung der in einem Verhaltenskodex festgeschriebenen Mindeststandards sicherzustellen. Im Rahmen meiner Arbeit in China habe ich diesbezüglich eine ganz besondere Erfahrung gesammelt: „Cha bu duo“!

Teil 2: „Cha bu duo“: Passt schon! 

Warum dauert es manchmal so lange, bis Lieferanten die notwendigen Korrekturmaßnahmen in ihren Fabriken implementieren? Steckt dahinter tatsächlich allein die immer wieder angeprangerte Profitgier, die dazu führen kann, dass Sicherheitsmaßnahmen und Gesetze ignoriert oder zumindest vernachlässigt werden? Oder gibt es andere Gründe? Ich bin davon überzeugt, dass es eine Kombination verschiedener Faktoren ist, wobei die Kultur eines Landes dabei eine entscheidende Rolle spielt – Beispiel China:

Eine der ersten Redewendungen, die man in China als neuzugezogener „Expat“ – ein für ein international tätiges Unternehmen im Ausland arbeitender Mitarbeiter – lernt, ist „Cha bu duo“. Wortwörtlich heißt das „Unterschied nicht viel“ und bedeutet soviel wie „mehr oder weniger“ oder wie heute auch gerne gesagt wird: „Passt schon“. „Cha bu duo“ ist ein sehr dehnbarer Begriff, kann dadurch fast grenzenlose Möglichkeiten eröffnen und hat schon so manchen Ausländer in China verzweifeln lassen. Vermutlich ist der Anteil unter den als sehr korrekt bekannten Deutschen besonders hoch, denn „Cha bu duo“ wird nicht nur bei Mengen- und Zeitangaben verwendet („Treffen wir uns dann um 8?“ – „Cha bu duo!“), sondern bevorzugt auch von Handwerkern, deren Erfindungsgeist und Improvisationsvermögen ohnehin von bewundernswerter Kreativität geprägt ist.

Als ich zum Beispiel in meiner Wohnung in Wuhan einen Ventilator für die Küche eingebaut bekommen sollte, hat der Handwerker mit Hammer und Schraubenzieher und viel Selbstvertrauen ein Loch in die Fensterscheibe gehauen! Faszinierend – die Scheibe zerbarst nicht in tausend Einzelteile. Allerdings passten Öffnung und Ventilator auch nicht perfekt zusammen, so dass etwaige Löcher kurzerhand mit einem alten, um den Ventilator gewickelten Lappen gestopft wurden. Zufrieden meinte der Handwerker „Cha bu duo“, packte seine Sachen und verschwand.

Leider begegnet uns auch manchmal in den Fabriken die „Cha bu duo“-Mentalität. Der Feuerlöscher soll in maximal 1,5 m Höhe hängen? 10 cm höher oder niedriger: „Cha bu duo“. Wochenarbeitszeiten inklusive Überstunden maximal 48 Stunden? „Cha bu duo“. Jede Woche ein freier Tag? „Cha bu duo“.

„Cha bu duo“: Kennzeichnung eines Feuerfluchtweges
„Cha bu duo“: Kennzeichnung eines Feuerfluchtweges
„Cha bu duo“: Was nicht passt, wird passend gemacht
„Cha bu duo“: Was nicht passt, wird passend gemacht
 

Hier geht es nicht um Profitgier oder eine gleichgültige Haltung den Arbeitern gegenüber, sondern auch um kulturelle Hintergründe, denen europäische Maßstäbe nicht einfach aufgezwungen werden können. Armut und Mangelwirtschaft haben den Erfindungsgeist und das Improvisationstalent im Alltag der Chinesen über Jahrzehnte gefordert. Wichtig ist aus ihrer Sicht: es funktioniert doch, es passt doch; was machen so ein paar Zentimeter oder Stunden denn für einen Unterschied?

„Cha bu duo“ gibt es jedoch nicht nur in China, sondern in unterschiedlichen Ausprägungen in fast allen unseren Lieferländern. Damit wir hier eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch geeignete Maßnahmen erreichen, müssen wir diese Herausforderung verstehen, annehmen und konstruktiv mit ihr umgehen.

Und vergessen wir nicht: auch wenn wir mit Fabrikbesitzern und Managern in den verschiedenen Lieferländern sprechen – die eigentliche Arbeit wird von Beschäftigten durchgeführt, die oftmals über ein geringeres Bildungsniveau verfügen. Der Kommunikation mit diesen Arbeitern kommt daher bei der Umsetzung unserer Maßnahmen eine entscheidende Rolle zu; doch darüber mehr im meinem nächsten Beitrag.


Corporate Responsibility-Managerin Maren Barthel ist das ganze Jahr über in den asiatischen Produktionsländern der Otto Group unterwegs. Dort implementiert und überprüft sie die Einhaltung der Sozialstandards in den Produktionsstätten und unterstützt die Lieferanten dabei, sozialverträgliche Arbeitsbedingungen sicherzustellen und umweltschützende Maßnahmen umzusetzen.



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