05.
April
2019
Alles gut, oder? Zwölf Monate DSGVO – ein Stimmungsbild

Alles gut, oder? Zwölf Monate DSGVO – ein Stimmungsbild

  Redaktion ottogroupunterwegs
(Admin)

Hand aufs Herz: Weißt du noch, was Du letzte Woche auf dem Teller hattest? Nein? Aber gestern schon, oder? Auch nicht? Die Frage nach dem Essen ist ein Faszinosum in der Gedächtnisforschung, denn sie führt in den meisten Fällen zum immer gleichen Ergebnis: Völlige Ahnungslosigkeit. Ganz gleich, welcher Zeitraum abgefragt wird: Kaum jemand kann aus dem Effeff Angaben zu seiner Nahrungsmittelzufuhr machen, viele scheitern gänzlich daran. Fragt man Juristen, Datenschützer und auch eine ganze Reihe von Online-Marketers – um nur einige zu nennen –, was sie vor einem Jahr gemacht haben, sind die Erinnerungen hingegen glasklar. Denn vor bald zwölf Monaten trat die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Kraft. Kaum ein Thema dominierte Fach- und Publikumsmedien in nahezu gleichen Teilen wie das von der EU verabschiedete Regelwerk zum Umgang mit personenbezogenen Daten. Kein Wunder, tangierte die neue Richtlinie nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Miteinanders, darunter auch den Online-Handel. 

Die Arbeit hatten am Ende vor allem die oben genannten Personengruppen – und ein nicht unwesentlicher Teil lag darin, die Gemüter zu beruhigen und aktionistische Maßnahmen in Zaum zu halten - darunter das massenhafte Abschalten von Blogs – aus Angst vor einer fehlerhaften Datenschutzerklärung seitens der Betreiber – oder die Empfehlung gen Vermieter, die Namen auf den Klingelschildern bei Mehrfamilienhäusern schonmal vorsorglich zu entfernen. Manche Handlungsempfehlungen hingegen sind legitim und richtungsweisend, wie ein Beispiel aus der Nutzerprofilbildung zeigt, die nicht zuletzt im E-Commerce von großer Relevanz ist. So dürfen Frontend- und Backend-Daten gemäß DSGVO nicht mehr so einfach zusammengefügt werden, sondern müssen zuvor über eine unabhängige Instanz verschlüsselt werden, um den User dahinter bestmöglich zu schützen. Bei Missachtung drohen empfindliche Geldstrafen.

Herausforderungen bei der Umsetzung der DSGVOzoom

So oder so: Die DSGVO ist (in Teilen) eine Geschichte voller Missverständnisse. Doch was ist von der Aufregung geblieben? Sind wir kritischer im Umgang mit unseren persönlichen Daten geworden? Haben wir als Datenverarbeiter ein noch höheres Verantwortungsgefühl entwickelt als zuvor ohnehin schon vorhanden? Oder gilt: Außer Spesen nichts gewesen? Wir fragten nach.

So denkt die Datenschützerin

„Ich stelle am Markt grundsätzlich eine spürbare höhere Awareness für das Thema Datenschutz fest. Ganz besonders aber bei der Otto Group. Neben den vielen, in allen Konzerngesellschaften gemeisterten Herausforderungen während der Umsetzungsphase der DSGVO-Anforderungen hat es mich als Datenschutzbeauftragte besonders gefreut, dass wir mit der Einführung der Datenschutzkoordinatoren-Rolle so viele Multiplikatoren in den Fachbereichen gewonnen haben. Darüber hinaus ist das Datenschutzniveau in unseren europäischen Gesellschaften mit Einführung der DSGVO erheblich angestiegen und gleichzeitig ein Synergien hebendes Datenschutznetzwerk entstanden. Gemeinsam lässt sich vieles meistern – und der Kunde profitiert am meisten davon.“

Cornelia Sasse, Datenschutzbeauftragte der Otto Group

So denkt der E-Commerce-Rechtsexperte

„Auch wenn die befürchtete ‚Abmahnwelle‘ bislang ausgeblieben ist, nehmen Onlinehändler das Thema Datenschutz sehr viel ernster, was zu begrüßen ist. Neben aktuellen Datenschutzerklärungen auf Websites werden zunehmend auch Verarbeitungsverzeichnisse erstellt, Auftragsverarbeitungs-Verträge von Dienstleistern konsequent eingefordert und Prozesse zur Wahrung der Betroffenenrechte etabliert. Baustellen sind häufig noch Löschkonzepte in allen Unternehmensbereichen oder transparente Einwilligungen. Hier ist besonders die Rechtsunsicherheit zu Cookies, Tracking und Targeting unbefriedigend: Während die Datenschutzkonferenz und Generalanwälte am Europäischen Gerichtshof für alle Cookies Opt-Ins für nötig halten, raten namhafte Anwälte häufig noch zum berechtigten Interesse als Rechtsgrundlage. Ob, wann und mit welchem Inhalt die ePrivacy-Verordnung kommt, ist weiterhin unklar. Aus Furcht vor Bußgeldern, die ja bereits mehrfach und vermehrt von Behörden ausgesprochen wurden, setzen viele Unternehmen Content-Management-Tools auf ihrer Website ein. Ohne die richtigen Texte, sprich ausführliche und konversionshindernde Opt-Ins, sind diese Tools aber nur Placebos. Über allem schwebt schließlich noch der Unsicherheitsfaktor Brexit. Je nach Ausgang gibt es auch hier weitere To-Dos, sollte UK zu einem Drittstaat werden. Es gibt also weiterhin noch einiges zu tun.“

Dr. Carsten Föhlisch, Bereichsleiter Recht sowie Prokurist bei Trusted Shops

So denkt der Nutzer

Um in die Gedankenwelt des Nutzers einzutauchen, haben wir eine Online-Umfrage unter 1.000 Personen durchgeführt. Dabei gaben gerade mal 30 Prozent der Befragten an, heute, gut ein Jahr nach Inkrafttreten der DSGVO, eine veränderte Haltung zum Thema Datenschutz bei sich wahrzunehmen. Auffällig: Etwas mehr als der Hälfte dieser Gruppe (52 Prozent) ist in Hinblick auf die Verarbeitung persönlicher Daten gar pessimistischer geworden. Unterm Strich lässt sich feststellen, dass ein Paradigmenwechsel beim Thema Datenschutz in der breiten Masse vorerst ausgeblieben ist: 70 Prozent der Befragten gaben an, keine beziehungsweise kaum nennenswerte Veränderungen in ihrer Haltung wahrzunehmen. Eine mögliche Erklärung hierfür liefert eine 2018 veröffentlichte globale Studie, an der unter anderem der Deutsche Dialogmarketing Verband beteiligt war: Demnach haben Deutsche per se wenig Bedenken, wie ihre Daten gesammelt und verwendet werden; „unbekümmert“ wird diese Haltung in der Studienzusammenfassung gelabelt. Dieser Bevölkerungsgruppe gegenüber stehen die so genannten "Datenpragmatiker": Sie entscheiden von Fall zu Fall, ob sie ihre persönlichen Daten teilen, abhängig von den Vorteilen, die sich für sie dadurch ergeben. In Singapur, Spanien und den USA trifft man sie am ehesten an.



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