Bleibt alles anders? Vier Perspektiven für den Handel nach Corona
23
02

Bleibt alles anders? Vier Perspektiven für den Handel nach Corona

23/02/2021

Seit einem Jahr stellt uns die Pandemie vor große Herausforderungen. Bleibt auch danach alles anders? Welche Entwicklungen bleiben für den Handel langfristig systemrelevant? Dazu Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer IFH KÖLN, in einem Gastbeitrag.

Seit gut einem Jahr hält uns die Pandemie nun in Atem. Für die meisten von uns bedeutet das, so flexibel sein zu müssen wie selten zuvor. Lockdown, Lockerungen, wieder Lockdown und unsichere Rahmenbedingungen stellen Konsument*innen wie auch den Handel immer wieder vor neue Herausforderungen. Aber bleibt alles anders? Welche Entwicklungen bleiben auch für die Zeit nach Corona für den Handel systemrelevant und wie wird das Einkaufsverhalten langfristig beeinflusst? Das IFH KÖLN erkennt aktuell unter dem Einfluss der Pandemie vor allem vier einschneidende Entwicklungen. Allen voran, der massive Onlineschub.

Onlinehandel: Schneller, höher, weiter

Schon 2020 wurde sichtbar, wie sehr Konsument*innen ihre ursprünglich stationär geplanten Käufe ins Netz verlagert haben. Obwohl auch der stationäre Handel in Phasen (vermeintlicher) Entspannung wieder frequentiert wurde, konnte der Onlinehandel in Deutschland kontinuierlich und kategorieübergreifend stark wachsen – und zwar um rund 21 Prozent (laut HDE-Online-Monitor Januar 2021). Damit erzielte der Handel übers Netz 2020 innerhalb eines Jahres mit circa 14 Milliarden Euro (brutto) ein höheres Onlinewachstum als sonst über zwei Jahre hinweg. Und ein Ende ist aktuell kaum in Sicht. Im Gegenteil: Der anhaltende Lockdown beschleunigt diese Entwicklung einmal mehr.

Profitieren können von den vermehrten Onlinekäufen vor allem die großen Plattformen – allen voran Amazon. Aber auch starke Onlinemarken wie eBay, OTTO, Zalando oder Tchibo konnten sich in der Krise gut aufstellen. Online gewonnen haben auch etablierte Händler wie MediaMarkt, IKEA oder Douglas, die starke Onlineumsätze melden. Für kleinere Anbieter bleibt hingegen oft nur der Weg über die etablierten Plattformen, um große Umsatzzuwächse zu realisieren. Ist dieser Weg nun allerdings erst einmal beschritten, dürften sich viele auch in der Zeit nach Corona über digitale Zusatzumsätze freuen. Vielfach ist dies nicht eine Frage der Unternehmensgröße, sondern der Konsequenz, mit der digitale Kanäle zum Kunden hin genutzt werden. Corona hat viele Händler gezwungen, sich konsequenter zu digitalisieren und die Kundenorientierung zu erhöhen. Vor allem mithilfe digitaler Services wie der Beratung via WhatsApp oder Click&Collect-Angeboten.

Inspiration ist out, Suchen ist in

Die Pandemie lädt nicht zum Bummeln ein. Während der stationäre Handel Prä-Corona vielfach mit Inspiration assoziiert wurde, standen im vergangenen Jahr auch abseits des Lockdowns stationär vor allem Suchkäufe im Fokus der Konsument*innen. Wenig überraschend, wurden die Innenstädte seltener besucht und wirklich „gebummelt“ wurde ebenfalls deutlich weniger. Die innenstadtrelevanten Sortimente Mode, Schuhe und Schmuck/Uhren sind von dieser Entwicklung besonders betroffen und mussten Umsatzverluste von über 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr hinnehmen. Hohe Konversionsraten konnten vor allem diejenigen Händler erzielen, die ihren Kund*innen den Einkauf so leicht wie möglich gemacht haben.

Und nach der Pandemie? Konsument*innen werden auch nach den Einschränkungen durch Covid-19 vielfach die Bequemlichkeit des Onlinekaufs nicht mehr missen wollen und weiterhin in großem Umfang online einkaufen. Aber: Auch der Erlebniskauf wird zurückkehren und damit die Chance mit vernetzten Konzepten, durch die Verknüpfung von Online- und Offlineangeboten, bei den Kund*innen zu punkten.

Lokaler Einkauf auf dem Vormarsch

Trotz Onlineboom der großen Player hat die Pandemie bei den Konsument*innen auch die Themen Regionalität und Lokalität wieder stärker in den Fokus gerückt. So entschieden sich rund ein Drittel der für den Corona Consumer Check des IFH KÖLN Befragten 2020 bewusst vermehrt dafür, lokale Händler zu unterstützen und beim Einkauf auf nachhaltige Produkte zu achten. Damit rücken auch regionale Onlinemarktplätze wieder in den Blickpunkt – ein Konzept, das bereits seit Ende der 90er Jahre immer wieder Gegenstand vieler Initiativen war, sich aber bislang nicht wirklich etablieren konnte. Vor allem jüngere Konsument*innen interessieren sich dafür, online lokal shoppen zu können. Potenzial ist zweifellos vorhanden, wird aber bislang bei Weitem nicht ausgeschöpft. Um das Zukunftspotenzial zu heben, sind vernetzte Konzepte nötig, die Dienstleistungen, Gastronomie, Sport, und Kultur aber beispielsweise auch Ärzte und Behörden verknüpfen. Regionalität allein reicht nicht aus, wenn echte Mehrwerte fehlen.

Cross-Channel-Services relevanter

Die Coronakrise ist die Zeit der Cross-Channel-Services. Vor allem Click&Collect ist unter Konsument*innen mittlerweile deutlich bekannter und beliebter als vor der Pandemie. Der Corona Consumer Check zeigt: Rund drei Viertel der Befragten kennen diesen Service und rund die Hälfte interessiert sich für Click&Collect-Angebote. Aber: Es gibt nicht den einen Cross-Channel-Service, der für alle Konsument*innen und für alle Produktkategorien kaufentscheidend ist. Fest steht, neue Services zu nutzen, Warenverfügbarkeiten online zu prüfen, per QR-Code zu bestellen oder eine WhatsApp-Beratung oder Lieferservices zu nutzen, gehört für viele immer häufiger auch zu ihrem Kaufverhalten dazu. Für den stationären Handel sind diese Services wichtig, um sich im Wettbewerb mit den großen Onlineanbietern zu behaupten. Es wird also darauf ankommen, kundenzentriert die richtigen Services anzubieten – und das in hoher Qualität.

Bleibt also alles anders?

Ja und nein. Für die Konsument*innen sollte es vor allem eines werden: kundenorientierter. Digitalisierung ist nicht alles, aber ohne Digitalisierung ist alles nichts. Unternehmen, die durch die Pandemie endlich ihre digitalen Angebote ausgebaut haben, können vom anhaltenden Onlinewachstum nur profitieren. Gleichzeitig kann der Handel vor Ort vom gesteigerten lokalen Bewusstsein seiner Kundschaft profitieren, muss aber die Möglichkeiten der Digitalisierung umfassend und konsequent nutzen. Durch Digitalisierung unterstützte Kundenzentrierung wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor für den Einzelhandel der Zukunft.

Dr. Kai Hudetz

Dr. Kai Hudetz ist seit August 2009 Geschäftsführer der IFH Institut für Handelsforschung GmbH Köln. Zuvor leitete er das dort angesiedelte E-Commerce-Center (ECC Köln), dessen Gründung er 1999 mitinitiierte.

 
Kommentar schreiben
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Hinweis

Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen