19.
Mai
2017
Brauchen wir einen Algorithmen-TÜV?

Brauchen wir einen Algorithmen-TÜV?

  Redaktion ottogroupunterwegs
(Admin)

Eine Meldung macht die Runde: Im Zuge der Digitalisierung fordern Verbraucherzentralen zunehmend Kontrollen der internen Algorithmen bei sensiblen Internet-Dienstleistungen – vor allem dort, wo mit vertraulichen Verbraucherdaten umgegangen wird: Ein „Algorithmen-TÜV“ soll her. Eine Art Prüfstelle, welche nicht nur durch ihren Namen mit der staatlich anerkannten Zertifizierungsstelle in Verbindung stehen würde, sondern möglicherweise auch organisatorisch dort verankert wäre. So könnten Kontrolleure bei Bedarf Einblick in den Code verlangen, der beispielsweise bei einem Webshop personalisierte Werbeangebote steuert oder auf die individuellen Präferenzen der Nutzer zugeschnittene Suchergebnisse anzeigt. Maßlose Forderung zu Lasten des Wettbewerbs oder wichtiger Schritt in Richtung Datendemokratie?

Wir haben bei Unternehmen nachgefragt, die von einem Algorithmen-TÜV betroffen sein könnten. 

Daniel Raschke, Co-Geschäftsführer von Picalike, einem Software-Anbieter für Technologien zur visuellen Suche und Analyse von Bilddateien: „Wir haben in Deutschland insgesamt einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten, sinnvolle Gesetze hierzu und einen Markt, der viel regelt. Meines Erachtens wären wir gut beraten, uns auf echte Innovation zu konzentrieren, statt Dinge unnötig zu verkomplizieren und bürokratisieren. Zudem drängt sich die Frage auf, wie die Umsetzung eines Algorithmen-TÜV praktisch laufen soll, weil sich Algorithmen ja ständig verändern, zum Teil außerhalb Deutschlands laufen. Wir stehen 'algorithmisch' eben auch im internationalen Wettbewerb, so dass es immer um eine Balance geht: soviel Regulierung wie nötig, so wenig wie möglich. Ich sehe in dem Thema vor allem einen immensen Aufwand, der im Zweifel leicht ausgehebelt wird.“


Alexander Köth, Gründer und Managing Director von Minodes – einem Anbieter für Retail Analytics: „Wenn es eine Instanz gibt, die von allen Beteiligten am Markt akzeptiert wird, sehe ich darin eine Riesenchance im Zeichen der Transparenz. Daten sind unser höchstes Gut, deshalb halten wir uns streng an die hiesigen Gesetze und Richtlinien zum Datenschutz. Das Gleiche muss am Ende auch für die Kontrolleure gelten – schließlich stecken in unseren Technologien bis zu fünf Jahre Entwicklungsarbeit. Prüfprozesse müssen daher unter strengsten Kriterien erfolgen. Alles andere kann fatale wirtschaftliche Folgen haben.“


Dunja Riehemann von Blue Yonder, einem Unternehmen für Machine-Learning-Lösungen im Handel, sagt: „Früher wurde viel aus dem Bauch heraus entschieden, das ist aufgrund der Komplexität an Einflussfaktoren und Vielzahl an Entscheidungen heute gar nicht mehr möglich. Intelligente Systeme können wesentlich besser sehr umfangreiche und komplexe Datenmengen überschauen als ein Mensch und dafür sorgen, daß die richtige Ware zum richtigen Preis am gewünschten Ort ist. Und der Kunde hat sich auch daran gewöhnt, dass seine Ware jederzeit zum besten Preis verfügbar ist und sofort geliefert werden kann.“


Cornelia Sasse, Leitern Konzern-Datenschutz bei der Otto Group: „Personenbezogene Daten sind für die Otto Group ein äußerst hohes Gut. Deshalb halten wir uns strikt an die Datenschutzgesetze. Dies gilt insbesondere für die Kontrolle. Zuständig dafür ist der betriebliche Datenschutzbeauftragte, der in alle Prozesse eingebunden wird, so auch in die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Er prüft dabei insbesondere auf Datensparsamkeit, Zweckbindung, Transparenz, Einwilligungserfordernis und Verhältnismäßigkeit der Datenverarbeitungen. Eine zusätzliche Prüfinstanz könnte dennoch durchaus in ausgesuchten, hochsensiblen Themenfeldern mit Fokus auf künstliche Intelligenz für mehr Transparenz sorgen.“



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Kommentar

  • Andreas Weiß (Managing Partner, ThesmonWellPoint)

    "Big Data wird die Denkweise, über Innovation, Handel, Dienstleistung, Bildung, Erziehung, Wissenschaft, Politik und vieles andere mehr, gänzlich verändern. Davon umfasst ist die vielfältige Ausrichtung und Modellierung von verschiedenartigen Analysen zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mittels Methoden, Verfahren und Werkzeuge. In den Möglichkeiten und deren Bedeutung also nichts weniger als eine Revolution für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, die eine angemessene Bemühung um mehrdimensionale Betrachtung notwendig macht. Die Verfahren und Vorhersagen sind einerseits Individualisierung, Optimierung und Entwicklung andererseits erlauben sie, aus der Sicht des jeweiligen Anwenders, eine „bessere“ gesellschaftliche Steuerung. Daraus entsteht die Diskussion, welchen Zusammenhang man nutzen darf und welchen nicht! Aus Sicht des Datenschutzes müsste n. m. A. die Transparenz und Widerlegbarkeit für den Betroffenen im Mittelpunkt stehen. Dies könnte neben einer möglichen (TÜV-) Instanz, auch schon durch die Akzeptanz funktionierender, einheitlicher technischer Systeme zum Abgleich der Datenschutzvorgaben des Betroffenen und deren Einhaltung erreicht werden."

    19. Mai 2017 13:59

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