Bürokultur nach Corona: Auf dem Weg zur Egozentrik?
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Bürokultur nach Corona: Auf dem Weg zur Egozentrik?

15/04/2020

Das Home-Office wird (für einige wider Willen) zunehmend zur Normalität. Wie gestaltet sich die Zeit danach − wenn Arbeitnehmer*innen wieder zurück auf die Fläche gehen? Eine erste Suche nach Antworten.

Mit der Ausbreitung von Covid-19 werden auch die Regeln der Arbeitswelt voraussichtlich neu geschrieben. Dies zeichnet sich bereits jetzt ab und es ruft unterschiedliche Reaktionen hervor.  Das Home-Office gibt dieser Tage den Takt vor.  Während die einen die Heimarbeit als „the new normal“ für sich akzeptiert haben, sehnen sich die anderen ihren originären Arbeitsplatz im Büro zurück. So oder so, die Zeit nach Corona wird eine andere sein – nicht zuletzt in der Art, wie wir im Job interagieren werden. Mit dem Ziel, aus Vermutungen Fakten zu machen, haben wir eine Online-Umfrage unter 1.000 Personen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren durchgeführt. Dabei wollten wir wissen, in welchen Parametern sich Büroarbeit voraussichtlich verändern wird.

Dass es eine Veränderung geben wird, ist unter den Befragten unbestritten. Mit 59 Prozent ist der Großteil davon überzeugt, dass wir in Deutschland nach Corona eine neue Home-Office-Kultur vorfinden werden. Das ist schon deshalb interessant, weil das Arbeiten in den eigenen vier Wänden selbst noch gar nicht flächendeckend verbreitet ist. 40 Prozent gaben an, vor der Corona-Krise zumindest hin und wieder mal im Home-Office gearbeitet zu haben. Das ist weniger als die Hälfte der Befragten.

Umso spannender der Blick auf die Fläche, dem Ort der Meetings, Kaffeerunden und Teambesprechungen. Wir wollten von unseren Umfrageteilnehmer*innen wissen, an welchen neuralgischen Punkten sie die meiste Veränderung erwarten*. Dabei zeichnet sich deutlich ab, dass Faktoren wie Zeit und Arbeitsorganisation eine entscheidende Rolle spielen. Nicht umsonst zählt die Flexibilisierung der Arbeitszeit mit 44 Prozent zu den am meisten antizipierten Veränderungen. Dazu gehört natürlich auch, dass man im Krankheitsfall eher zu Hause bleibt (41 Prozent), gefolgt vom Rückgang analoger Meetings bei gleichzeitiger Zunahme von Videokonferenzen (40 Prozent). Dazu der Zukunftsexperte Prof. Dr. Wippermann: „Selbstbestimmung und Flexibilisierung der eigenen Arbeitszeit gehen einher mit Resilienz und Rationalisierung der Unternehmensorganisation.“ Die Ursache dafür sieht der Gründer des Trendbüros ganz klar in einer neuen Form des Miteinanders: „Aus ‚Sozialer Distanzierung‘ ist ‚Virtuelle Nähe‘ geworden. Schüler lernen über Videokonferenzen, ihre Eltern gewöhnen sich an Telearbeit und Unternehmen restrukturieren und ‚redesignen‘ ihre Organisation.“

Self-Care vor Empathie

Droht durch die veränderten Möglichkeiten, seine Arbeit zu erledigen, im Umkehrschluss nun die Gefahr, dass die sozialen Aspekte, die mit der Arbeit verbunden sind, in den Hintergrund treten und wir den Draht zu unseren Mitmenschen verlieren? Die Umfrageergebnisse lassen Fragen dieser Art zweifellos zu, denn wenn es um die emotionale Bindung zu den eigenen Kolleg*innen geht, zeigen sich Arbeitnehmer*innen eher zurückhaltend. Individuelle Kommunikation beispielsweise wird nach Ansicht der Befragten nur um 22 Prozent zunehmen. Noch schlechter bestellt ist es um den Faktor Empathie (19 Prozent) und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber (15 Prozent). Macht Corona uns zu Einzelgängern, Freizeitoptimierern, unempathischen Wesen, die lediglich ihre Aufgaben erledigen? Werden das Gemeinsame, der im Team errungene Erfolg, werden Rücksicht auf Kollegen und die Arbeitgeberverbundenheit durch die Auswirkungen des Virus auf die Arbeitswelt geschwächt? 

New-Work-Expertin Vanessa Jobst-Jürgens, die wir ebenfalls mit den Umfrageergebnissen konfrontiert haben, sieht in den Daten ein Wechselspiel aus Wunsch und Wirklichkeit: „Kurz gesprungen könnte man daraus interpretieren, dass die Befragten weniger Wert auf die emotionalen Komponenten wie Empathie oder Loyalität legen. Ich möchte aber dazu anregen, dieses Ergebnis von einer anderen Seite zu betrachten. An dieser Stelle weise ich gerne darauf hin, dass sich in solchen Umfragen auch gerne mal die Wunschgedanken der Antwortenden widerspiegeln. Also, als Beispiel: Ich wünsche mir flexiblere Arbeitszeiten, ich möchte völlig zeitunabhängig arbeiten, deswegen kreuze ich diesen Punkt auch an – in einer Art Hoffnung, dass dies eine Art selbsterfüllende Prophezeiung wird. Diese Ergebnisse könnten aus diesem Grund ein Spiegel dessen sein, was sich die Mitarbeiter*innen vermehrt wünschen − eben die eher rationalen Merkmale, und wovon sie glauben, dass Merkmale wie Solidarität und Empathie schon auf einem hohen Level vorhanden sind. Ebendiese erhalten dann auch einen geringeren Zustimmungswert. “

Sicherlich können wir zum heutigen Zeitpunkt nicht bis ins letzte Detail absehen, in welche Richtung sich die Bürokultur, wie wir sie bislang kannten, hin entwickeln wird. Dazu nochmal Vanessa Jobst-Jürgens: „So hart diese Schule, durch die wir aktuell gehen müssen, auch ist, so gut stehen aber auch die Chancen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für Veränderung ist.“

Visual Umfrage Bürokultur
Redaktion ottogroupunterwegs
 
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