„Der nachhaltigste Konsum ist der, der nicht stattfindet, oder derjenige, der keine neuen Ressourcen verbraucht“
06
10

„Der nachhaltigste Konsum ist der, der nicht stattfindet, oder derjenige, der keine neuen Ressourcen verbraucht“

06/10/2020

Über die Relevanz eines auf Circularity basierenden Ansatzes beim Shoppen. Im Gespräch mit Otto Group Nachhaltigkeitsexpertin Maje König.

Arbeiten in den eigenen vier Wänden? Kein Problem. Behördengänge virtuell erledigen? Das klappt immer öfter. Ein Buch virtuell ausleihen, statt sich in die Bibliothek zu bemühen? Fast schon ein alter Hut. Die Pandemie ebnet den Weg in ein digitales Leben beziehungsweise verkürzt diesen um ein Vielfaches. Doch nicht nur hier zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Auch beim Konsum werden die Weichen dieser Tage neu gelegt. Besonderes Augenmerk kommt dabei immer mehr der Kreislaufwirtschaft zugute, die auch den Textilbereich einschließt, da hier nach wie vor viele Ressourcen gefordert werden, die zu Lasten der Umwelt und des Klimas gehen. Die Otto Group integriert dieses Thema in die neue CR-Strategie und setzt mit der Unterstützung des neu einberufenen World Circular Textiles Day am 8.10. ein Zeichen für die Relevanz von Circularity. Welche Herausforderungen damit verbunden sind und welche Chancen sich zugleich daraus ergeben, verrät uns Maje König, Senior CR Managerin Materials & Circularity bei der Otto Group:

Es zeichnet sich ab, dass Konsument*innen ihr Bewusstsein für nachhaltigen Konsum durch Corona geschärft haben, gar ein neues Bewusstsein entwickeln – zartes Pflänzchen oder echter Paradigmenwechsel?

Maje: „Diese Veränderung in den Ansprüchen von Konsument*innen und auch der gesteigerten Wahrnehmung von nachhaltigen Aktivitäten war bereits vor Corona bemerkbar. Durch die momentane weltweite Krise wird den Menschen aber noch bewusster, wo ihre Werte und auch der Wert der Welt für sie liegen. Durch den Konsum von nachhaltigen Produkten, das Umstellen des Konsumverhaltens oder auch eine Veränderung hin zu einer nachhaltigeren Lebensweise können sie dazu beitragen, dass diese Welt erhalten bleibt – und es zeigt sich, dass immer mehr Konsument*innen auch bereit sind, dies zu tun.“

Welche Rolle spielt dabei neben Regionalität, Klimaneutralität der Aspekt Kreislaufwirtschaft?

Maje: „Kreislaufwirtschaft spielt hier eine entscheidende Rolle. Der nachhaltigste Konsum ist der Konsum, der nicht stattfindet, oder derjenige, der keine neuen Ressourcen verbraucht. Immer mehr Konsument*innen stellen sich die Frage, ob sie ein Produkt wirklich langfristig besitzen müssen oder ob es nicht auch ausreicht, dieses zu benutzen, so lange es benötigt wird und dann an den nächsten weiter zu geben. Hier können Unternehmen die Konsument*innen dabei unterstützen, indem sie einfach zugängliche und serviceorientierte Re-Commerce-, also Second Hand-, oder Sharing-Modelle, schaffen.“

Sharing-Modelle dürften unter diesen Voraussetzung wohl die Gewinner sein, da sie ja die flächendeckendsten Konzepte bieten, oder?

Maje: „Nicht zwangsläufig. Gerade in der aktuellen Krise wird das Teilen durch erhöhte Hygienemaßnahmen teilweise erschwert und einige bereits etablierte Modelle müssen kämpfen oder sogar aufgeben. Es zeigt sich aber besonders im privaten Bereich ein Anstieg von Sharing in der eigenen Community. Mit digital smarten Sharing-Modellen, die den Kund*innen das Teilen oder Mieten einfach machen, wird sich dies perspektivisch auch im Business-Kontext durchsetzen. Im Besonderen zeichnet sich ab, dass die Weitergabe von Produkten über Re-Commerce immer relevanter wird und es sich zu einer Art ‚Must-Have‘ für E-Commerce-Anbieter entwickelt.“

Bedeutung der Kreislaufwirtschaft in einer Green Economy

Eine Circular Economy (dt. Kreislaufwirtschaft) bezeichnet ein Wirtschaftssystem, in dem ganze Produktionsprozesse auf dem Design eines Kreislaufs basieren. Genauer heißt dies, Abfälle, Emissionen, Energie- und Ressourcenverluste werden in geschlossene Kreisläufe eingebunden und somit minimiert. Werden Produkte z.B. von Anfang an so konzipiert, dass sie besonders lange halten, wird Abfall vermieden. Mit einem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz Anfang 2020 soll u.a. die Vernichtung von Retouren im Online-Handel verringert werden. Quelle: KfW

Nochmal zum Thema Circularity – die Idee dahinter ist ja nicht neu. Warum intensivieren Unternehmen und Organisationen ihre Bemühungen in diesem Bereich?

Maje: „Wir wirtschaften auf der Welt aktuell in einem linearen Modell - take, make, use, waste (nehmen, herstellen, nutzen, wegwerfen) - mit dem Ergebnis, dass viele Produkte hergestellt und verkauft, aber teilweise nie oder nur kurz genutzt werden und dann im Müll landen. Zusätzlich steigt die Weltbevölkerung stetig an und wenn wir weiter so leben wie bisher, werden wir kurzfristig die Ressourcen von drei Erden pro Jahr benötigen. Wir haben aber nun einmal nur eine. Der ‚Earth Overshoot Day‘ gibt jedes Jahr an, wann wir die Ressourcen, die uns für das jeweilige Jahr zur Verfügung stehen, aufgebraucht haben. Weltweit war dies am 22. August, also vier Monate zu früh, in Deutschland sogar noch zwei Monate früher. Circularity ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Lösungen für dieses Problem bietet, da es hier darauf ankommt, Produkte und Ressourcen so lange wie möglich am Leben – im Kreislauf – zu halten. Die Ansatzpunkte starten beim Einsatz von Rohmaterialien, gehen über Design und Produktion zu neuen Verkaufsmodellen und veränderter Nutzung von Produkten bis hin zu einer Vermeidung von Abfall durch eine angemessene Verwertung sowie Recycling. Auch für das Erreichen der weltweiten Klimaziele sind Circularity-Ansätze elementar, da sie dazu beitragen CO2-Emissionen zu vermeiden und zu reduzieren.“

Welche Chancen ergeben sich daraus für die Textilbranche?

Maje: „Für die Textilbranche entsteht hier die Chance, sich selbst neu zu erfinden und neu zu denken. Circularity bietet viel Raum für Kreativität, um Design, Materialien und Produktionszyklen zu verändern. Der Schlüssel für kreislauffähige Produkte liegt im Design, denn bereits der Entwicklungsprozess legt fest, wie langlebig oder auch recyclebar ein Produkt am Ende ist. Zusätzlich schließt Circularity die Kund*innen mit in den Kreislauf ein, unter anderem auch bei der richtigen Nutzung und Entsorgung von Produkten, und so entstehen viele Möglichkeiten, die Nutzer*innen durch attraktive Services und neue Geschäftsmodelle zu begeistern und an sich zu binden.“

Die Otto Group unterstützt die Idee des World Circular Textiles Day, eine kreislaufförmige Textilwirtschaft bis 2050 umzusetzen. Warum ist der Zeitraum so langfristig angesetzt?

Maje: „Wir müssen bei dem Thema realistisch bleiben: Konsument*innen haben sich an Fast Fashion gewöhnt – das ist weitläufig der Standard. Wie Greenpeace einmal ermittelt hat, kaufen die deutschen Verbraucher*innen durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke im Jahr, tragen sie aber nur halb so lange wie es vor 15 Jahren der Fall war. Dieses Mindset zu durchbrechen, bedeutet viel Kraftanstrengung und Überzeugungsarbeit; erste Erfolge sind erkennbar: Verstärkt durch die Pandemie wird mehr auf Herkunft und Qualität geachtet, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns. Der Wert der Kleidung muss neu definiert werden. Der Aufbau einer technologischen und logistischen Infrastruktur im Hintergrund erscheint dagegen beinahe schon wie ein Kinderspiel.“


Unsere Interviewpartnerin

Maje König, Senior CR Managerin Materials & Circularity bei der Otto Group

Maje König ist Senior CR Managerin Materials & Circularity bei der Otto Group. Nach ihrem Einstieg in den Konzern im Jahr 2010 war sie bis 2013 zunächst im Bereich Kulturentwicklung tätig ehe sie in die Corporate Responsibility gewechselt ist. Die gebürtige Hamburgerin studierte Kulturwissenschaften und ist Mutter von zwei Kindern. Auch über ihren Job hinaus interessiert sich die 39-Jährige für nachhaltige Veränderung der Welt, Mode, gesellschaftliche Trends und Digitalisierung.

Redaktion ottogroupunterwegs
 
Kommentar schreiben
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Hinweis

Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen