30.
April
2018
„Die ältere Generation für Digitalisierung begeistern“

„Die ältere Generation für Digitalisierung begeistern“

  Nachgefragt bei Dagmar Hirche
(Gründerin Wege aus der Einsamkeit e.V.)

Die Zukunft sieht alt aus – zumindest, wenn es um die zunehmend betagtere Belegschaft in deutschen Unternehmen geht. Der demografische Wandel hinterlässt seine Spuren auch in der Arbeitswelt: Bis 2024 soll der Anteil der 50- bis 64-Jährigen Erwerbstätigen satte 40 Prozent ausmachen, meint das Statistische Bundesamt. Gleichzeitig kommen nicht genug junge Arbeitskräfte nach, um die Babyboomer abzulösen, wenn sie in den Ruhestand gehen. Umso mehr sind Unternehmen in Deutschland darauf angewiesen, ihre erfahrenen Mitarbeiter zu fördern und möglichst lange zu halten. Der Aufbruch in die digitale Zukunft ohne die "Silberrücken" ist er undenkbar.

Eine, die dies erkannt hat, ist Dagmar Hirche, die sich mit ihrem gemeinnützigen Verein für die Lebensumstände älterer Menschen und ihre Stellung in der Gesellschaft einsetzt, indem sie Senioren bei Workshops fit für Smartphone und Tablett macht. Heute wagt sie mit uns den Blick in die Arbeitswelt in digitalen Zeiten.

Die digitale Transformation hat die Art, wie wir arbeiten, ziemlich auf den Kopf gestellt. In Zeiten des stetigen Wandels entstehen ständig neue Anforderungen an unseren Arbeitsplatz, aber auch an uns selbst und an die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten. Wie geht es Mitarbeitern ab 50+ damit?

Dagmar Hirche: Anders als die junge Generation wurden Mitarbeiter ab 50+ nicht in die digitale Revolution hineingeboren. Das, was jetzt gerade in der Arbeitsweilt passiert, ist für sie ein echter Umbruch. So werden gerade viele Prinzipien über den Haufen geworfen, nach denen die alten Hasen jahrzehntelang gelebt und gearbeitet haben. Ein Beispiel: Projektbasiertes Arbeiten in wechselnden Arbeitsumgebungen kann für viele Ältere ein Graus sein. Das liegt daran, dass sie so etwas nie gelernt haben oder erlernen mussten – nicht in der Schule und auch später im Arbeitsleben nur selten. Ihnen wurde über viele Jahre eingebläut, ihre Arbeit in Ruhe zu Ende zu bringen und ja keine halben Sachen zu machen. Plötzlich ändern sich die Spielregeln. Das kann ganz schön beängstigend sein. Alles muss nun schnell gehen, auch unausgegorene Ideen sollen präsentiert werden. Damit die Oldies dann nicht innerlich kündigen, ist es wichtig, sie einzubeziehen. Sie müssen Teil des Wandels sein – aber dazu muss man Ihnen auch die Chance geben. Zum Beispiel sollten auch ältere Mitarbeiter in den Arbeitsgruppen vertreten sein, die Veränderungen aushandeln und gestalten. 


Das Vorurteil, dass ältere Mitarbeiter sich gegen Veränderungen sperren, hält sich hartnäckig. Warum?

Hirche: Ich glaube weniger, dass es eine Altersfrage ist. Auch mit 50+ ist man wissbegierig. Aber da ist die Angst, dass man etwas nicht kann und dann vielleicht noch für dumm gehalten wird, wenn man sich ungeschickt anstellt. Die Digitalisierung bricht für viele Ältere wie eine Monsterwelle über sie hinein. Komme ich da eigentlich noch hinterher? Muss ich das in meinem Alter wirklich noch lernen? Doch sind wir mal ehrlich: Die Digitalisierung wird die Zukunft prägen – beruflich und privat. Auch Mitarbeiter 50+ haben noch einige gute Arbeitsjahre vor sich. Darüber hinaus bietet die Digitalisierung viele Chancen, wie ich aus meiner langjährigen Arbeit mit Senioren weiß. Sie sollten sich nicht selbst abhängen, indem sie sich der Digitalisierung versperren. Der Schlüssel dazu ist Mut. Es ist gar nicht schlimm, mal Fehler zu machen. Aber machen Sie!

Dagmar Hirche bei dem Projekt "Wir versilbern das Netz"

Wie kann man Mitarbeiter ab 50+ dabei unterstützen?

Hirche: Für Unternehmen muss es ein Ziel sein, Beschäftigte bis ins hohe Alter geistig fit und flexibel zu halten, damit sie die digitale Transformation auch kognitiv begleiten können. Stichwort: Lebenslanges Lernen. Die ältere Generation lässt sich für die Digitalisierung begeistern, aber sie muss einfach anders abgeholt und angesprochen werden. Weniger englisches Kauderwelsch, mehr alltagsnahe Anwendungsmöglichkeiten und das Ganze in Häppchen und nicht mit der Gießkanne. Denkbar wäre, dass Unternehmen Digital-Schulungen anbieten in unterschiedlichen Levels. Das hätte den Vorteil, dass man alle mitnehmen könnte – vom totalen Anfänger bis zum Profi. Während die digitale Welt für den einen vielleicht noch Neuland ist, begleitet der andere den digitalen Wandel bereits seit Jahren. Der Kenntnisstand kann also ganz unterschiedlich sein – auch altersunabhängig. Junge Mitarbeiter könnten ebenso von Digital-Schulungen profitieren. Denn es ist ein Trugschluss, dass jeder junge Mitarbeiter digital vollkommen firm ist und nichts mehr lernen kann und muss. Alle Altersgruppen müssen die Möglichkeit haben, Medienkompetenz zu erwerben oder zu erweitern.


Wird die neue Arbeitswelt den Mitarbeitern ab 50+ denn überhaupt gerecht?

Hirche: Heute bieten sich in der Arbeitswelt viele Freiheiten. Das bringt für Mitarbeiter – egal ob jung oder alt - viele Vorteile mit sich, kann aber auch überfordern. Ein Indiz dafür sind die vielen Fälle von Burnout, die genauso junge wie auch ältere Mitarbeiter treffen. Sie mahnen uns, dass wir bei allem Eifer und Leidenschaft für Veränderung in unserer immer schneller werdenden Welt auf einander Acht geben müssen.Oftmals wird vergessen, dass Mitarbeiter ab 50+ auch privat viel unter einen Hut bringen müssen. Da sind zum die Kinder, die immer noch Aufmerksamkeit brauchen. Zum anderen kommen die eigenen Eltern in ein Alter, in dem sie zunehmend auf Hilfe angewiesen sind. Flexiblere Arbeitszeitmodelle und mobiles Arbeiten können also nicht nur für junge Mitarbeiter mit Familie nützlich sein, sondern auch wenn man die 50 überschritten hat.


Früher waren Lebenswege klar definiert: Ausbildung, Berufseinstieg, Familiengründung, horizontale Karriere, Ruhestand. Mit dem Blick auf die ältere Generation scheint sich das aber zu wandeln.

Hirche: Genau, das Altersbild ändert sich radikal. Sogenannte Greyhopper und Silverpreneure erobern die Arbeitswelt. Viele Rentner wollen weiterhin aktiv sein und nutzen die Freiheit im Ruhestand, endlich zu machen, was sie wollen, Träume zu verwirklichen, die sie früher nie leben konnten – auch beruflich. Ein großer Schatz für Unternehmen, die somit weiterhin von der großen Erfahrung der älteren Generation profitieren können, wenn sie ihnen die richtigen Arbeitsmodelle bieten.


Mit 50+ gehört man also keineswegs zum „alten Eisen“. Was können Digital Natives noch von den Oldies lernen?

Hirche: Im Scherz gesagt, mit 40 konnte ich das Wort Gelassenheit nicht mal buchstabieren. Das ist heute anders. Nicht allem Neuem muss man nacheifern. Ältere Mitarbeiter sind geduldiger und gelassener. Diese Kompetenz können sie im Zusammenspiel mit jüngeren Kollegen gut einbringen. Dann befruchten sich die Weitsicht der Älteren und die Schnelligkeit, der Mut und die Neugier der Jungen gegenseitig. Dazu müssen wir einander jedoch zuhören, Rücksicht aufeinander nehmen und uns auf Augenhöhe begegnen. Die digitale Zukunft meistern wir nur gemeinsam. Die Basis dafür sind gemeinsame Regeln und Werte: Vertrauen, Transparenz, Respekt. Und die kennen bekanntlich kein Alter.


Dagmar HircheDagmar Hirche ist Unternehmerin und Gründerin des gemeinnützigen Vereins „Wege aus der Einsamkeit“, der sich bundesweit für die Verbesserung der Lebensumstände älterer Menschen und ihrer gesellschaftlichen Stellung engagiert – unter anderem mit dem Projekt „Wir versilbern das Netz“, bei dem sich alles rund um Digitalität im Alter dreht. Die ehrenamtliche Arbeit des Vereins wurde mit dem Smart Hero Award, dem Marie-Simon-Pflegepreis des Deutschen Städte- und Gemeindebundes sowie dem Demografie Exzellenz Award ausgezeichnet. Dagmar Hirche selbst ist zudem Preisträgerin der Goldenen Bild der Frau.

Artikelbild: Freepik



Kommentare

Kommentar schreiben

Hinweis
Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Verwandte Artikel

  •  
    17.
    Dezember
    2018
    1
    Wie bonprix nach weiblichen IT-Talenten sucht

    Wie bonprix nach weiblichen IT-Talenten sucht

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Noch immer ist das Bild des klassischen ITlers von männlichen Stereotypen geprägt. Dies will der Online-Modehändler bonprix ändern und hat deshalb eine Coding Challenge speziell für Frauen ausgerufen.

  •  
    13.
    November
    2018
    Lesetipp: Was ich als CEO über Kulturwandel gelernt habe

    Lesetipp: Was ich als CEO über Kulturwandel gelernt habe

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Tiefgreifende kulturelle Veränderungen im Unternehmen gehen selten spurlos an einem vorbei – das gilt auch für einen Vorstand. Otto Group CEO Alexander Birken teilt seine Learnings.

  •  
    24.
    September
    2018
    6
    Frauen, die auf Quelltext starren

    Frauen, die auf Quelltext starren

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Erstmals fand in den Räumen der Otto Group ein Coding-Camp nur für Frauen statt. Die Resonanz: gewaltig. Die Message: Digitalisierung würde mehr Weiblichkeit gut zu Gesicht stehen.

Beliebte Artikel

  •  
    31.
    Januar
    2018
    10

    Blogparade #Zukunftsblick: Die Welt von morgen

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Autonom fahrende Autos, Shopping über Spracheingabe, Bitcoin statt Bargeld, eine neue Kultur in der Arbeitswelt: Wie sieht die Welt von morgen aus? Das Thema unserer Blogparade #Zukunftsblick.

  •  
    16.
    August
    2018

    „Menschen über 50 leben nicht in der digitalen Steinzeit“

    Nachgefragt bei
    Icon Melanie Atencio u. Sebastian Keck
    (Mobile-Projektmanager Witt-Gruppe)

    Immer mehr Best Ager gehen ins Netz – auch übers Smartphone. Was bedeutet das für die Entwicklung von Shopping-Apps speziell für diese Zielgruppe? Zwei Experten geben Tipps.

  •  
    24.
    August
    2018
    1

    Eine ordentliche Portion Mut für die Gewohnheitstiere

    Nachgefragt bei
    Icon Petra Scharner-Wolff
    (Konzernvorständin Finanzen, Controlling und Personal)

    Die Digitalisierung stellt die Welt auf den Kopf. In Zeiten des Wandels braucht es also: Mut. Petra Scharner-Wolff erklärt, wie ein Konzern lernen kann, mutig zu sein.

Neueste Kommentare

Viola Flambe zu Wie bonprix nach weiblichen IT-Talenten sucht

"Danke für die Coding Challenge. Bitte weiter so. "
17.12.2018

Katharina zu Podcast #13: (Fast) Alles über Conversational Commerce

"DEVICE = Gerät Wir haben auch im Deutschen viele ausreichende, gut beschreibende Worte. Warum werden..."
18.11.2018

Stefan Richter zu Podcast #13: (Fast) Alles über Conversational Commerce

"Interessant, wo sich das Business hinentwickelt"
01.11.2018

Neueste Tweets

  • Hach, alle Jahre wieder: #Weihnachtsmarkt auf dem @otto_de Campus! ❤️ #Weihnachten ...

  • Wenn @wilddueck spricht, hören die Menschen zu. So war es auch #in2018, als er bei der Otto ...

  • RT @Ma_Froh: Noch fehlen Lichter & Bratwürste. Aber wenn der Mitarbeiter #Weihnachtsmarkt ...