Gekommen, um zu bleiben: Sieben Internettrends, die wir nicht (mehr) missen wollen
26
06

Gekommen, um zu bleiben: Sieben Internettrends, die wir nicht (mehr) missen wollen

26/06/2020

Irgendwo zwischen Zeitvertreib und Geburtshelfer für tiefgreifende Veränderungen: Das Web fördert Entwicklungen zutage, die in Zeiten von Corona echte Maßstäbe setzen. Manche davon kannten wir schon, andere sind neu.

Seit gut einem Vierteljahr hat sich der Aktionsradius vieler Menschen spürbar verkleinert. Gerade am Beispiel der Berufspendler zeigt sich, wie schnell wir uns auf neue Umstände einstellen können und auch müssen. Wo früher die überfüllte S-Bahn den ersten Aufreger des Tages darstellte, ist es heute eher die Kleiderfrage: Sakko oder Sweatpants – was ziehe ich fürs Arbeiten im Home-Office mit seinen unzähligen virtuellen Meetings an? Tatsächlich haben sich die Fashion-Gewohnheiten der Deutschen unter Corona verändert. Die Ode an die Jogginghose haben zuletzt viele Medien angestimmt, darunter auch der eine oder andere Qualitätstitel. Keine Frage, Corona holt nimmt vielen Themen ihr Schattendasein. Das gilt nicht zuletzt auch für eine ganze Reihe an Internetphänomenen, die in Zeiten der Pandemie das Nischendasein längst hinter sich gelassen haben. Und das kommt nicht von ungefähr: Mehr denn je ist das Netz der Ort, an dem wir uns überwiegend aufhalten. Dafür stehen auch die rekordverdächtigen Trafficzahlen, die vom Betreiber des weltgrößten Internetknotens DE-CIX mit Standort Frankfurt erhoben werden. Je nach Tageszeit stellt das Unternehmen bis zu 20 Prozent Zunahme im Datenverkehr als vor Covid-19 fest, unter anderem bedingt durch den gesteigerten Einsatz von webbasierten Videokonferenzen (50 Prozent) sowie die Zunahme von Online- und Cloud-Glücksspielen und die Nutzung von Social-Media-Plattformen (25 Prozent). Unter diesen Voraussetzungen haben sich neue Online-Trends etabliert, die das Potenzial haben, auch nach Corona unser Leben zu prägen – zum einen, weil sie digitale Lösungen auf analoge Probleme liefern, und zum anderen, weil sie durch die aktuellen Gegebenheiten qualitativ neu aufgeladen wurden. Sieben davon haben wir hier zusammengetragen:

1. Online-Tutorials

1. ONLINE-TUTORIALS

Ob Kochen, Haareschneiden oder Mundschutz nähen – die Deutschen schlauen sich vor allem im Netz zu Handlungen des alltäglichen Lebens auf, die ihnen zwischenzeitlich komplett verwehrt waren. Auch dann noch, wenn durch weitreichende Lockerungen in vielen Bereichen des täglichen Lebens der Gang ins Restaurant, zum Friseur oder zum Fashionstore grundsätzlich wieder möglich ist. DIY ist das Gebot der Stunde. Warum? Weil man es (lernen) kann. Dafür steht eine Fülle an Online-Coaches, die in YouTube-Clips oder auf Blogs zeigen,wie man sich eine Krawatte bindet, Seife selbst herstellen kann oder einen Saum näht, weil die Hose am Bein zu lang ist. Auch gegen die Corona-Pfunde stehen entsprechende Lösungen im Bewegtbildformat parat. Sie nennen sich „Complete Fat Blasting Full Body Workout“ oder ganz einfach: „Corona Yoga“. Ein Klick, und schon kommt man ins Schwitzen.

2. digitale Seelsorge

2. DIGITALE SEELSORGE

Das Centre for Economic PolicyResearch (CEPR), ein unabhängiges Forschungsinstitut mit Sitz in London, welches vor allem Politik und Wirtschaft berät, hat im Zuge der Corona-Pandemie alarmierende Zahlen zur psychischen Gesundheit der deutschen Bevölkerung zusammengetragen. Hierfür hat das CEPR Zahlen des Anbieters TelefonSeelsorge in Korrelation mit Infektions- und Sterbezahlen des Robert-Koch-Instituts gesetzt. Die Nutzung der psychologischen Beratung auf telefonischem Wege ist demnach um 25 Prozent in der akuten Phase der Pandemie angestiegen. Alternative Angebot wie Chat- und Mail-Seelsorge sowie psychologische Gespräche per Videokonferenz werden ebenfalls immer gefragter – dafür sorgt auch eine Lockerung des Gesetzgebers.

 Seit dem 1. April 2020 dürfen therapeutische Videobehandlungen vorübergehend unbegrenzt durchgeführt werden, bisher noch befristet bis zum Ende des 2. Quartals 2020. Ebenso sind Sprechstunden und probatorische Sitzungen bis zum 30. Juni 2020 per Video möglich, wenn anders ein Kontakt mit Patient*innen nicht möglich ist. Zwangloser sind Angebote wie zum Beispiel wirverbindeneuch.de, wo Nutzer*innen durch den persönlichen Austausch untereinander der Einsamkeit entgegenwirken können. 

3. online-nachbarschaftshilfe

3. ONLINE-NACHBARSCHAFTSHILFE

Es ist dieser Tage die wohl einfachste Art, Karmapunkte zu sammeln: Ob einkaufen für die altersschwachen Nachbarn, Gassi gehen mit dem Hund der Krankenpflegerin von nebenan oder das Ausleihen eines Wasserkochers an den Junggesellen zwei Hauseingänge weiter – Nachbarschaftshilfe gehört in Zeiten von Corona fast schon zum guten Ton. Was mit selbstgeschriebenen Zetteln im Treppenhaus angefangen hat, wird inzwischen immer mehr über digitale Portale organisiert, sowohl regional (u.a. coronaport.de für Berlin oder nachbarschaftshilfe.nrw für NRW) als auch bundesweit (u.a. nebenan.de und quarantaenehelden.org). 

Dabei hat diese Form der gegenseitigen Unterstützung gute Chancen, auch nach der Pandemie fortzubestehen: Dem Havas Media Corona Monitor von Mai 2020 zufolge, ist Nachbarschaftshilfe im Relevant Set der Deutschen angekommen: Unter den 500 Befragten gab gut die Hälfte (49 Prozent) an, dass diese für sie in der Corona-Krise grundsätzlich an Bedeutung gewonnen hat.

4. streaming, streaming und noch mehr streaming

4. STREAMING, STREAMING UND NOCH MEHR STREAMING

„Ich habe Netflix durchgeschaut“, ist theoretisch betrachtet eine Utopie. Doch selten kam man dieser gefühlten Wahrheit so nahe wie in Zeiten von Corona. Kinos, Theater und andere Kulturbetriebe mussten als erste schließen und werden aller Voraussicht nach auch als letzte erst wieder für den Publikumsverkehr öffnen. Der Gang ins Netz mit dem Ziel der kurzweiligen Unterhaltung ist also unumgänglich. Die Deutschen streamen, was das Zeug hält: Im aktuellen Corona-Report des Online-Marktforschers Appinio gaben 41 Prozent der Befragten an, Video-on-Demand häufiger zu nutzen als vor der Pandemie. Zwischenzeitlich lag der Wert bei 47 Prozent. 

Nur Internet (48 Prozent) und lineares Fernsehen (43 Prozent) stehen bei den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen unter Corona noch  weiter vorne. Die Anbieter selbst erfreut es: So rechnet US-Streaming Gigant Netflix bis Ende des laufenden Quartals weltweit mit 7,5 Millionen Neukunden – trotz der zwischenzeitlichen Drosselung der Bitrate. Gestützt werden positive Prognosen dieser Art durch Ergebnisse einer Befragung des Vermarkters Ad Alliance. Einer jüngst veröffentlichen Umfrage zufolge ist die Quote abgeschlossener Medien-Abos unter Covid-19 bei Amazon, Skype und Co. konsequent gestiegen. Zuletzt lag der Wert bei 19 Prozent, wenige Wochen zuvor noch bei 10 Prozent.

5. virtuelles socializing

Schon mal an einem Zoom-basierten Kneipenquiz oder Weintasting teilgenommen? Oder mit anderen bei einer so genannten Online-Dance-Party mal so richtig den Stress von der Seele getanzt? Es geht! Wenn auch mit Abstrichen. Online-Konferenz-Tools eignen sich nämlich nicht nur für Business-Meetings, sondern auch für das Pflegen des sozialen Miteinanders abseits der Arbeit.

5. VIRTUELLES SOCIALIZING

 Ob digitaler Afterwork-Quarantini (Wortspiel aus Quarantäne und Martini) oder Gottesdienst-Übertragung via Skype – der Fantasie sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Dabei sind viele Angebote aus der Not geboren. Gastronomen, Kirchen und Event-Anbieter – um nur einige zu nennen – sind durch Corona gezwungen, neue Wege zu gehen. Und getreu dem Motto „Not macht erfinderisch“ entstehen in immer kürzeren Abständen immer neue Konzepte, um Menschen zusammenzubringen, und sicherlich auch, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Fließend sind wir dazu übergegangen, den Augenkontakt durch den Blick in die Webcam zu ersetzen – der rapide Umsatzanstieg des Anbieters Zoom, wie die folgende Grafik offenbart, ist ein Sinnbild dafür.

6. PODCASTS (MIT VIROLOGEN) HÖREN

6. PODCASTS (MIT VIROLOGEN) HÖREN

Dr. Christian Drosten ist nicht nur der Virologe, dem die Deutschen vertrauen, er hat auch dem Medium Podcast als Quelle für Informationen einen neuen Glanz verliehen. Das Corona-Update, in dem er der NDR-Wissenschaftsredakteurin Korinna Hennig seit Februar 2020 regelmäßig zu Covid-19 Rede und Antwort steht, gilt in der Podcast-Welt als Institution. Die Gesamt-Abrufzahlen über alle Plattformen hinweg bewegen sich längst im zweistellen Millionenbereich – und das bei einem Wissenschaftsformat, in dem mit Fachbegriffen nur so um sich geworfen wird. Und dennoch hängen wir diesem Mann mit seiner besonnenen Art buchstäblich an den Lippen. Und wenn er gerade nicht auf Sendung ist, dann switchen wir rüber zu den True-Crime-, Selbstoptimierungs- oder Comedy-Shows, die uns Spotify, iTunes und andere zur Verfügung stellen. 

Wir wollen das, wir brauchen das – auch, um der Stille der Isolation zu entkommen. Nur so ein Gefühl? Mitnichten. Während die Deutschen beim Podcast-Konsum vor einigen Jahren noch recht muffelig unterwegs waren (14 Prozent in 2016 vs. 26 Prozent in 2019), sind Audio-Formate inzwischen hochrelevant für Vermarkter. Große Medienhäuser wagen sich inzwischen an Exklusiv-Formate im Abo. Weltweit wird ein Anstieg der Werbespendings von derzeit 885 Millionen US-Dollar auf prognostizierte 1,6 Mrd. US-Dollar im Jahr 2022 beziffert. 

7. KONFERENZEN IM STREAM

7. KONFERENZEN IM STREAM

Mit der „Night of Lights“ protestierte die Veranstaltungswirtschaft auf ihre Art und Weise gegen die strikten Auflagen des Gesetzgebers, welche das Durchführen von Großveranstaltungen bis Ende Oktober aufgrund von Corona verbieten. Millionenverluste im dreistelligen Millionenbereich treffen die Branche hart, darunter auch die Initiator*innen von Fachkonferenzen. Viele von ihnen haben spontan reagiert und ihre Events ins Internet verlegt, getreu dem Motto: Auch das Netz ist eine Bühne. Zu Lasten der Atmosphäre, zugunsten der Gesundheit der Besucher*innen und Speaker*innen. Gerade jetzt zur Sommerzeit, der Hochphase der Messen und Konferenzen, schmerzt der flächendeckende Ausfall jener Publikumsformate, die zur brancheninternen Vernetzung und Vermarktung doch so wichtig sind. Umso schöner, dass zumindest virtuelle Alternativen auf die Straße gebracht werden. Eine Auswahl relevanter Events haben wir hier zusammengestellt.

Redaktion ottogroupunterwegs
 
Kommentar schreiben
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Hinweis

Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen