MORE* is more: Zwei Jahre LGBTIQ*- Netzwerk in der Otto Group
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MORE* is more: Zwei Jahre LGBTIQ*- Netzwerk in der Otto Group

03/08/2021

Selten wurden Diversity und LGBTIQ*-Themen so intensiv diskutiert wie in den vergangenen Wochen. Ob Regenbogenflaggen bei der Fußball-EM oder die dahinter liegende Diskussion um die Einschränkung der Rechte der LGBTIQ* Community in Osteuropa. Das Thema hat Menschen bewegt. Auch viele Unternehmen haben anlässlich dieser Diskussionen „Flagge gezeigt“, darunter auch die Otto Group. Aber reicht das? Wann hilft ein solches Zeichen, wann ist es Pinkwashing?

Entscheidend ist, dass die Unterstützung der LGBTIQ*-Community nicht nur bei, oftmals aufmerksamkeitsgenerierenden, Events und Trends gezeigt wird, sondern fester Bestandteil des Arbeitsalltags und des Selbstverständnisses ist. In diesen Tagen feiert MORE*, das queere Netzwerk der Otto Group, zweiten Geburtstag. Rund 460 Menschen engagieren sich im Netzwerk für die Interessen von LGBTIQ*-Menschen in der gesamten Unternehmensgruppe und setzen sich für einen vorurteilsfreien Umgang mit sexueller Identität ein. Wir haben drei Kolleg*innen aus dem Netzwerk eingeladen, mit uns darüber zu sprechen, wie sie die Situation in der Otto Group erleben und warum es ein solches Netzwerk braucht.


Hallo ihr Drei, erzählt doch malWarum seid ihr persönlich Teil von MORE*? Was treibt euch an, euch im Netzwerk zu engagieren?

Francesco Di Bari

Francesco Di Bari ist im April 2021 als erster Netzwerk-Praktikant Teil des MORE*-Teams geworden.

Francesco Di Bari: Ich bin dabei, weil ich Menschen dabei begleiten möchte, sich mit Diskriminierungsstrukturen auseinanderzusetzen – ohne erhobenen Zeigefinger. Obwohl diese Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft wirken, ist es nicht leicht darüber zu sprechen. Aufgrund meiner persönlichen Betroffenheit gepaart mit der wissenschaftlichen Grundlage, die ich aus meinem politik- und sozialwissenschaftlichem Studium mitbringe, bin ich der Überzeugung, meine Mitmenschen auf eine kritische Reise mitnehmen zu können, in deren Verlauf sie nicht nur konkretes Wissen über die LGBTIQ*-Community erhalten, sondern auch Unterstützung in der emotionalen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Karel Smerak: Für mich war die Motivation vielschichtig. Ich habe stark mit der osteuropäischen Perspektive auf das Thema geblickt. Eos ist in 26 Ländern aktiv, davon 13 oder 14 in Osteuropa. Also auch in Ländern, in denen schwule „Propaganda“ illegal ist oder LGBTIQ*-freie Zonen existieren. Ich arbeite eng mit dem Vorstand zusammen und habe dort mit Marwin Ramcke, der als Geschäftsführer für Osteuropa zuständig ist, einen starken Ally (1), der sich für Diversität, Chancengleichheit und nicht zuletzt die LGBTIQ*-Community sehr stark einsetzt. Auch Andreas Kropp, Geschäftsführer der Eos Gruppe und zuständig für Deutschland, setzt sich sehr für das Thema ein. Ich habe also das Privileg und eine Position, in der ich wirklich etwas bewegen kann. Nicht nur in Deutschland, sondern eben auch international – speziell in Richtung Osteuropa. Gerade hier ist es wichtig, das Thema LGBTIQ* aus der Schmuddelecke in den Mainstream zu holen. Ich kannte die Arbeit von Affinity-Networks schon von vorherigen Arbeitgebern im internationalen Kontext. Mich hat interessiert, was in der Otto Group und bei Eos in dieser Richtung passiert. Dann bin ich auf das MORE*-Netzwerk gestoßen und habe direkt Kontakt aufgenommen.“

Klaara Stoltenberg: „Ich habe viele Freunde aus der Community und zähle mich auch selbst dazu. Ich finde, es war an der Zeit für solch ein Netzwerk und für mich war es ehrlicherweise gar keine Frage, ob ich da mitmache, sondern wann es losgeht. Ich möchte für mehr Sichtbarkeit des Themas sorgen. Viele fragen dann oft: Braucht es das überhaupt? Ja, selbstverständlich brauchen wir das, gar keine Frage. Ich selbst habe zum Glück bisher kaum Diskriminierung im beruflichen Umfeld erfahren. Aber ich glaube, dass das zum Beispiel bei Männern oft anders ist – in manchen Branchen mehr, in anderen weniger. Und wenn man die Unwissenheit und Vorurteile der Menschen erlebt, dann merkt man, wie viel hier noch zu tun ist. In Vorstellungsrunden ist es beispielweise auch im beruflichen Kontext selbstverständlich, dass heterosexuelle Menschen über ihren Familienstand und ihr Privatleben berichten. Solange man noch schockierte Blicke erntet, wenn man als Frau von seiner Freundin berichtet, braucht man Aufklärungsarbeit.

Karel: „Ob sexuelle Orientierung nicht ein privates Thema ist, dass am Arbeitsplatz nichts zu suchen hat – diese Diskussion gab es bei uns durchaus auch. Zum Beispiel als wir 2019 unser eigenes Netzwerk queer@eos gegründet haben. Oft wird Sexualität und sexuelle Orientierung miteinander vermischt, wobei es sich um zwei unterschiedliche Konzepte handelt. Für mich steht LGBTIQ* für einen Lebensstil. Wenn ich am Wochenende mit meinem Freund unterwegs gewesen bin oder wir gemeinsam im Urlaub waren, will ich das erzählen können. Ohne darüber nachdenken zu müssen, kann ich das jetzt sagen? Was bedeutet das möglicherweise für mich oder meine Karriere? Könnte das negative Konsequenzen haben?“


Was hat sich durch das MORE*-Netzwerk in der Otto Group verändert? Was waren eure persönlichen Highlights in eurer bisherigen Netzwerkarbeit?

Karel: „Aus meiner Eos Perspektive war unser MORE*-Talk zum Thema Diversität und Inklusion am Arbeitsplatz mit Sergio Bucher, Marwin Ramcke und Katy Roewer ein echter Wendepunkt. Diese interne Podiumsdiskussion hat der Initiative innerhalb von Eos eine andere Relevanz gegeben. Dadurch dass ein Otto Group Vorstand mitdiskutiert hat und einer der Eos Vorstände, der auch noch für Osteuropa zuständig ist und auch alle Geschäftsführer von Eos in Osteuropa und ihre Mitarbeiter*innen dabei waren und klare Statements gehört haben, ist das Thema seitdem anders präsent. Inzwischen haben wir mit queer@eos ein eigenes Netzwerk und ein internationales Diversity & Inclusion-Board. Beides wird auch aus dem Vorstand heraus sehr unterstützt. Ein weiterer positiver Effekt: Die Vernetzung und der Austausch zwischen den einzelnen Konzerngesellschaften hat sich durch MORE* sicherlich auch weiter intensiviert.“ 

Klaara: „Unsere Pride Collection ist für mich eine echte Herzensangelegenheit. Vor einigen Jahren aber war die Thematik einfach noch nicht so präsent, daher hat es eine Zeit gebraucht, bis wir die Styles auf den Markt gebracht haben. Als Mitglied bei MORE* habe ich die Idee direkt bei der Geschäftsführung präsentiert und wir haben das Go bekommen. Heute ist Diversity bei Bonprix viel selbstverständlicher. Und die Pride Collection auch. MORE* hat – im besten Sinne – einen Stein ins Rollen gebracht und die Wahrnehmung für LGBTIQ*-Themen im Konzern extrem gesteigert. Ich freue mich total auf den weiteren Austausch mit den Kolleg*innen bei MORE*. Zusätzlich stehen wir bei Bonprix nun mit unserer internen Initiative bEQUAL in den Startlöchern, um für unsere Kolleg*innen Anlaufstelle zu sein, für Sichtbarkeit zu sorgen und da wo nötig weitere Veränderungen anzustoßen.“

Klaara Stoltenberg

Klaara Stoltenberg ist Teamleiterin im Digital Marketing Assistance Team bei Bonprix und ist durch ein Gründungsmitglied von MORE* auf das Netzwerk aufmerksam geworden. Bereits kurz nach dem Start 2019 ist Klaara als Representative für Bonprix dazu gestoßen.


Wie empfindet ihr den Support des Vorstands, der Geschäftsführung und den Führungskräften?

Karel: „Ich empfinde den Support inzwischen als sehr gut und wichtig. Zwei unserer Geschäftsführer bei Eos – Marwin Ramcke und Andreas Kropp – haben offiziell die Schirmherrschaft über unser Netzwerk queer@eos übernommen. Im Eos Kontext hat die Diskussion, die MORE* gestartet hat, viele weitere Überlegungen zum Thema Diversität in allen Dimensionen angestoßen und dem Thema Vielfalt einen richtigen Schub gegeben. Mittlerweile gibt es bei EOS z.B. mit W:isible auch ein fe*male Netzwerk, hier hat unser CEO, Klaus Engberding, die Patenschaft übernommen.“

Klaara: Das empfinde ich auch so. Ohne den Support unseres Geschäftsführers Rien Jansen wäre z.B. die Pride Collection vielleicht nicht zustande gekommen. Er war sehr unterstützend und hat mir freie Hand gelassen, damit ich loslegen kann. Er hätte sich ja auch gegen die Kollektion und für den einfacheren Weg entscheiden können. Aber er hat sofort gesagt: ‚Wir machen das!‘, und das Projekt sehr gefördert. Dafür bin ich sehr dankbar.“


Mit welchen Herausforderungen habt ihr bei MORE* zu kämpfen?

Francesco: Eine der größten, wenn nicht sogar die größte Herausforderung für die Netzwerkarbeit ist die Bewilligung von Budgets. Eine Planung aufzustellen geht schnell, aber die geforderte Summe dann bewilligt zu bekommen leider nicht. Niemand möchte ständig auf der Suche nach finanzieller Unterstützung sein, denn das hemmt und blockiert die Arbeit nur. Wenn ein Netzwerk wirklich im Großen und Ganzen nachhaltig etwas bewegen soll, dann muss es auch über die nötigen finanziellen Mittel besitzen.


Was sind die nächsten Ziele und Themen von MORE*? Was wollt ihr in Zukunft erreichen?

Francesco: Mit MORE* wollen wir der Otto Group und den Konzerngesellschaften dazu verhelfen, Räume zu schaffen, in denen sich LGBTIQ* Menschen selbstbewusst und sicher bewegen können. Dies kann nur geschehen, wenn MORE* als fester Bestandteil der konzernweiten Diversity-Aktivitäten und intern bei den Mitarbeitenden anerkannt wird. Am Ende steht das Ziel, als eines der führenden Corporate LGBTIQ*-Networks in Deutschland intern wie extern Stellung zu beziehen sowie sich auch in anderen Märkten der Otto Group aktiv für die Gleichberechtigung von LGBTIQ* einzusetzen. Dazu erhöhen wir durch unsere Arbeit unter anderem die Sichtbarkeit, stärken die Akzeptanz und sensibilisieren für LGBTIQ*-Themen.


Der Begriff des Pinkwashings wird aktuell viel diskutiert. Wie würdet ihr reagieren, wenn der Otto Group Pinkwashing unterstellt wird?

Karel: Ich empfinde die Bemühungen der Otto Group nicht als Pinkwashing, ich empfinde sie als sehr authentisch und aus einer Überzeugung heraus. Bei Eos sind wir an vielen Stellen noch am Anfang. Aber was in Deutschland vermeintliches Pinkwashing ist, kann in anderen Ländern ein wichtiges Signal für die LGBTIQ*-Community sein. Vielleicht kann Pinkwashing sogar ein wichtiger erster Schritt für Unternehmen sein, um eine Diskussion zu starten. Dabei sollte es natürlich nicht bleiben. Aber manchmal kann auch eine erste Regenbogenflagge gerade international eine wichtige Signalwirkung haben, ja sogar eine kleine Revolution sein – ob Pinkwashing oder nicht.“

Klaara: „Ich finde es ist immer einfach zu sagen ‚Ihr betreibt Pinkwashing!‘ – ohne die Motivation zu kennen. Aber wenn man wirklich hinsieht, wird man feststellen, dass sich in der Otto Group und bei MORE* Menschen engagieren, Zeit investieren, sich einsetzen – nicht gegen Bezahlung, sondern aus Überzeugung. Natürlich könnte man denken, Bonprix macht die Pride Collection nur weil es gerade modern ist. Aber jeder, der sich einmal mit mir unterhält, wird schnell merken, dass es um mehr geht.“

Francesco: In einem solchen Fall würde ich fragen, woher diese Unterstellungen rühren und ob das Verhalten der Otto Group im Widerspruch zu den eigenen Idealen steht? Vor allem im Rahmen des Pride Months werben viele Unternehmen mit allem möglichen, was sie in Verbindung mit der LGBTIQ*-Community setzen kann. Der Pride Month ist aus einem Aufstand durch Dragqueens, trans*geschlechtlichen Menschen und homosexuellen Schwarzen und Latinx (2) entstanden. Das ist nur durch ein queeres Selbstbewusstsein möglich gewesen, welches Jahrzehnte lang hart erkämpft wurde. Erst wenn anerkannt wird, dass jeder einzelne Tag den Menschen der LGBTIQ*-Community dieses Selbstbewusstsein abverlangt, werden Taten folgen, die echtes soziales Engagement bezeugen. Aus diesem Grund würde ich persönlich erstmal nichts sagen und alle sprechen lassen, die selbst nicht betroffen sind – sozusagen eine Probe der Allyship. Dann zeigt sich schnell, ob solche Unterstellungen berechtigt sind.

Karel Smerak

Karel Smerak ist Group Director Capital Markets and Transactions bei der Eos Holding. Er ist beruflich viel in Osteuropa unterwegs und besonders hier möchte er LGBTIQ* Themen mehr Sichtbarkeit geben. Er ist anlässlich des ersten Geburtstags auf die Arbeit von MORE* aufmerksam geworden und seitdem Teil des Netzwerks. Karel ist auch Mitinitiator des internationalen Diversity & Inclusion Boards bei Eos.


Was würdet ihr Menschen mitgeben, die sich für LGBTIQ*-Themen im Arbeitsumfeld engagieren möchten?

Francesco: „Sei dir im Klaren darüber, dass du dich jeden Tag aufs Neue mit den bewussten und unbewussten Wirkmechanismen von Queerfeindlichkeit auseinandersetzen und einen neuen Blick auf dich selbst, die Menschen und die Welt um dich herum gewinnen wirst. Das kann oft entmutigend und bedrückend sein. Auf der anderen Seite erhältst du eine neue Perspektive, die es dir ermöglicht, nicht nur deine eigene Wahrnehmung zu schärfen, sondern einen Handlungsspielraum zu gewinnen, mit der du deine Welt aktiv mit- und umgestalten kannst. Damit leistest du einen wichtigen Beitrag zum Brechen von diskriminierenden Strukturen und zu einer gerechteren Welt für uns alle.

Karel: „Ich würde sagen: machen – nicht verschieben – einfach machen! Nicht morgen, nicht nächstes Jahr, sondern jetzt.

Klaara: „Auf jeden Fall machen. Wenn nicht jetzt, wann dann. Man kann uns jederzeit ansprechen, Fragen stellen – wir unterstützen gerne. Auch nicht betroffene Unterstützer, so genannte Allies, sind wichtig, denn Diversität gilt in alle Richtungen. Deswegen profitieren auch wir bei MORE* von Vielfalt.“

MORE Talk

Virtueller MORE* Talk am 4.8. 2021

Brauchen wir Pride und den CSD eigentlich noch? Der fünfte virtuelle MORE* Talk mit Mariam Kvaratskhelia (Tblisi Pride/Georgien), (Legebitra, Ljubljana/Slowenien) und Patrick Orth (Hamburg Pride). In Englischer Sprache.

  • Wann? Mittwoch, 4.8.21, 17-18 Uhr
  • Wo? Digital in Microsoft Teams
  • Wer? Alle sind eingeladen! Der Talk ist auch außerhalb der Otto Group offen.
  • Wie? Einfach hier anmelden: 

>> Zur Anmeldung

Vielen Dank für das Gespräch!


(1) Der Begriff Ally kommt aus dem Englischen und lässt sich mit Unterstützer*in übersetzen. Im LGBTIQ*-Kontext bezeichnet er eine nicht queere Person, die sich für die Rechte von LGBTIQ*-Menschen einsetzt. Mehr dazu: https://echte-vielfalt.de/lebensbereiche/lsbtiq/was-ist-eigentlich-ein-ally-und-wie-kann-ich-einer-sein/

(2) Der Begriff Latinx ist eine Selbstbezeichnung von Menschen lateinamerikanischer Herkunft. Der Begriff hat sich als inklusive und geschlechtergerechte Alternative für Latino/Latina im englischsprachigen Raum entwickelt. Quelle: https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/latinx/#:~:text=(sprich%3A%20La%2Dt%C3%AD%2D,Latina%20im%20englischsprachigen%20Raum%20entwickelt

 Mehr dazu: https://www.goethe.de/ins/co/de/kul/fok/zgh/21679648.html 

Redaktion ottogroupunterwegs
 
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