22.
Mai
2018
„Mitarbeitende müssen verstehen, was sie tun“

„Mitarbeitende müssen verstehen, was sie tun“

  Nachgefragt bei Sebastian Purps-Pardigol
(Autor & Coach)

An Themen, die gerade jungen Menschen im Berufsleben heute so wichtig sind – werteorientiertes Arbeiten, Kreativität, mehr Freiheit bei gleichbleibender Sicherheit –, ist auch Sebastian Purps-Pardigol sehr interessiert. Der Autor und Coach schrieb Bestseller wie „Führen mit Hirn“ und „Digitalisieren mit Hirn“, in denen er die Erkenntnisse der Hirnforschung auf die moderne Arbeitswelt überträgt.

Sebastian, Du hast ein Buch über Digitalisierung geschrieben und eines über Führung. Wie hängen beide Themen zusammen?

Sebastian Purps-Pardigol: „In zweifacher Hinsicht. Zum einen erhöht die Digitalisierung den Druck auf Unternehmen und stellt die Art und Weise, wie Mitarbeitende geführt werden müssen, in Frage. Man muss auf disruptive Geschäftsmodelle konkurrierender Unternehmen reagieren – schnell und kreativ. Mit den preußischen Militärwerten, die über Jahrzehnte das Arbeitsleben bestimmt haben, kommt man da nicht weit. Führungskräfte erleben heutzutage, dass in der Außenwelt eine Menge Dinge geschehen, die sie nicht mehr alleine beantworten können. Da ist es nicht damit getan, dass man Aufgaben delegiert und abarbeiten lässt. Führungskräfte, die sich auf eine digitale Transformation und den damit einhergehenden Kulturwandel einlassen, sind nur dann erfolgreich, wenn sie ihrem Team die Möglichkeit bieten, sich zu entfalten und kreativ auf neue Lösungen zu kommen. Das ist der eine Punkt.“


Der andere?

Purps-Pardigol: „Wir sind heute alle ständig ‚on‘, ständig erreichbar. Das heißt: Es gibt keine Entspannungsphasen mehr oder zumindest sehr viel weniger. Die Folgen können wir direkt im Gehirn beobachten. Neurobiologisch geschieht Folgendes: Der Neurotransmitter-Mix in unserem Gehirn verändert sich am Ende des Tages, wenn wir eigentlich zur Ruhe kommen müssten, nicht mehr so, wie das früher mal war. Von diesem ständigen Angeschaltetsein sind vor allem auch junge Menschen betroffen. Deren Leben ist durch eine hochgradige Vernetzung gekennzeichnet. Das hat viele Vorteile: Diese Menschen sind sehr gut und sehr schnell darin, sich Informationen zu suchen und zu kommunizieren. Aber es gibt
auch eine Kehrseite: Es gelingt ihnen recht schwer, sich zu fokussieren. Das ist eine direkte Auswirkung der schnellen, digitalen Kommunikation.“


Nun ist der Prozess der Digitalisierung ja nicht mehr aufzuhalten...

Purps-Pardigol: „Aber gestalten lässt er sich schon. Und das hat etwas mit Arbeitskultur zu tun. Der Soziologe Aaron Antonovsky hat dazu erforscht, was Menschen eigentlich psychisch gesund hält. Er fand heraus, dass das drei Dinge sind: Verstehbarkeit,Sinnhaftigkeit und Gestaltbarkeit des Handelns. Wir sind heute in einer Situation, in der diese drei Dimensionen ständig gefährdet sind. Ein Beispiel: Wer versteht schon, was an den Finanzmärkten passiert und wie er die eigenen Rücklagen bestmöglich investiert? Für viele Menschen ist das eine Blackbox. Umso wichtiger ist, dass die drei Dimensionen im Job erfüllt werden. Und das ist die neue Aufgabe der heutigen Führung: Mitarbeitende müssen verstehen, was sie tun. Sie müssen es auch als sinnvoll empfinden.“


Was bedeutet das konkret für einen Konzern, in dem naturgemäß verschiedenste Interessen zusammenkommen?

Purps-Pardigol: „An dieser Stelle kommen die Werte eines Konzerns ins Spiel. Nicht zuletzt brauchen Mitarbeitende das Gefühl, dass nicht über ihre Köpfe hinweg  entschieden wird, dass  der Wandel gemeinsam gestaltet wird. Wenn das
alles zusammenkommt, bleiben diese Menschen nicht nur psychisch gesund, sondern sind auch in der Lage, so kreativ und agil zu arbeiten, wie es der Markt heute verlangt.“


Sebastian Purps-PardigolSebastian Purps-Pardigol (Jahrgang 1976) ist zertifizierter Coach und Facilitator (NLP Master, Systemischer Coach, Hypno-Coach, Systemische Aufstellungsarbeit und Organisationsentwicklung). Er hat unter anderem zu den Themen Hirnforschung, Digitalisierung, Führung und Kulturwandel (Campus Verlag, Süddeutsche Zeitung, HR Today Schweiz, Human Resources Manager) publiziert. 

 
 

Das oben abgebildete Interview ist im Original erschienen im Otto Group Geschäftsbericht 2017/18.



Kommentare

Kommentar schreiben

Hinweis
Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Verwandte Artikel

  •  
    08.
    Februar
    2019
    1
    #Watnschiet – die 3. FuckUp-Night der Otto Group

    #Watnschiet – die 3. FuckUp-Night der Otto Group

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Bei der dritten FuckUp-Night der Otto Group teilten vier mutige Kollegen ihre persönlichen Geschichten vom Scheitern – und brachten das Publikum damit zum Lachen und durchaus auch mal zum Weinen.

  •  
    17.
    Dezember
    2018
    1
    Wie bonprix nach weiblichen IT-Talenten sucht

    Wie bonprix nach weiblichen IT-Talenten sucht

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Noch immer ist das Bild des klassischen ITlers von männlichen Stereotypen geprägt. Dies will der Online-Modehändler bonprix ändern und hat deshalb eine Coding Challenge speziell für Frauen ausgerufen.

  •  
    13.
    November
    2018
    Lesetipp: Was ich als CEO über Kulturwandel gelernt habe

    Lesetipp: Was ich als CEO über Kulturwandel gelernt habe

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Tiefgreifende kulturelle Veränderungen im Unternehmen gehen selten spurlos an einem vorbei – das gilt auch für einen Vorstand. Otto Group CEO Alexander Birken teilt seine Learnings.

Beliebte Artikel

  •  
    31.
    Januar
    2018
    10

    Blogparade #Zukunftsblick: Die Welt von morgen

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Autonom fahrende Autos, Shopping über Spracheingabe, Bitcoin statt Bargeld, eine neue Kultur in der Arbeitswelt: Wie sieht die Welt von morgen aus? Das Thema unserer Blogparade #Zukunftsblick.

  •  
    16.
    August
    2018

    „Menschen über 50 leben nicht in der digitalen Steinzeit“

    Nachgefragt bei
    Icon Melanie Atencio u. Sebastian Keck
    (Mobile-Projektmanager Witt-Gruppe)

    Immer mehr Best Ager gehen ins Netz – auch übers Smartphone. Was bedeutet das für die Entwicklung von Shopping-Apps speziell für diese Zielgruppe? Zwei Experten geben Tipps.

  •  
    08.
    November
    2018

    Vorsicht Minengebiet: Usability beim Online-Shoppen

    Icon Redaktion ottogroupunterwegs
    (Admin)

    Heute ist World Usability Day – ein guter Anlass, um für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit auf einen Hidden Champion der digitalen Produktentwicklung zu lenken.

Neueste Kommentare

Laura Neimann zu Job-Matching – das beste Bewerbermarketing

"Toller Artikel! Wäre spannend zu erfahren, was sich beim Thema "Jobmatching" so getan hat in den letzten..."
11.03.2019

Robert zu #Watnschiet – die 3. FuckUp-Night der Otto Group

"Ich bewundere euren Mut, die Offenheit und den Willen an der Fehlerkultur zu arbeiten. Das Empowerment /..."
02.03.2019

Hilka zu #ausfehlernlernen – Erste FuckUp-Night der Otto Group

"Hallo zusammen, ich bin zufällig auf diesen Artikel gestoßen und würde mich gerne mit einem der..."
11.01.2019

Neueste Tweets

  • Zwei Nominierungen beim @onlinepreis #dpok: @bonprixDE mit der mehrstufigen ...

  • Kann ein Bereichsleiter zwei Tage in der Woche früher gehen oder auch mal gar nicht da sein? ...

  • "Für mich bedeutet #Agilität die Freiheit, jemand anderen, egal ob Einzelperson oder ein Team, ...