02.
Juni
2015
Textilbündnis ist ein Meilenstein

Textilbündnis ist ein Meilenstein

  Dr. Johannes Merck
(Direktor Corporate Responsibility Otto Group)

Das Textilbündnis, das in diesen Tagen zwischen Nicht-Regierungs-organisationen, Gewerkschaften, der Politik und der Textilwirtschaft geschlossen wurde, ist ein Meilenstein im Zeitalter der Globalisierung. Jedenfalls aus meiner Sicht - einem CSR-Manager der "ersten Stunde", der seit über 25 Jahren in einem weltweit operierenden Handels- und Dienstleistungskonzern der Aufgaben nachgeht, ökologische und soziale Belange mit den wirtschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen. Warum?

Dr. MerckVor 25 Jahren hatten wir alle kaum Kenntnis und kein Verständnis für die Rahmenbedingungen und Folgen globaler Produktion. Das war überwiegend kein Thema. Umweltschutz bestand damals aus Maßnahmen an den eigenen Standorten: Mülltrennung, Wassersparperlatoren und umweltverträgliche Büromaterialen standen auf dem Programm; Sozialverantwortung blieb – wenn überhaupt – auf die eigenen Mitarbeiter begrenzt.

Doch Mitte der 90-er Jahre drehte sich der Wind. Bilder machten die Runde von Kindern, die u. a. in der Textilwirtschaft der damals noch weit entfernten Lieferländer als Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Das hat das Bewusstsein verändert, und der Diskussion um die Verantwortung nicht nur für die Qualität von Produkten, sondern auch unter welchen Bedingungen diese hergestellt werden, den Weg geebnet.   

Das ging natürlich nicht von heute auf morgen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie engagiert ich mit Einkaufsvertretern diskutiert habe, weil denen die Regelungen in unserem Code of Conduct für unsere Lieferanten völlig unrealistisch vorkamen. Ich erinnere mich auch an meine eigene Naivität in dem Glauben, unsere vielen hundert Lieferanten weltweit behandelten die ihnen anvertrauten Arbeitnehmer schon damals überwiegend fair und richtig. Und ich erinnere mich an zahllose Diskussionen mit bewegten und besorgten Menschen, um die Politik unserer Unternehmensgruppe zu erklären und deren Ergebnisse zu erläutern: über die Einführung und Kontrolle von Sozialstandards, den Einsatz von nachhaltig erzeugter Bio-Baumwolle oder von „Cotton made in Africa“, Maßnahmen zum Schutz des Klimas oder von Luft, Wasser und Böden in den Produktionsländern weltweit. Häufig ging es diesen kritischen Stakeholdern nicht weit genug, was wir taten oder glaubten, tun zu können. Und das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Seitdem wurden zahlreiche Anstrengungen unternommen und erhebliche Fortschritte erzielt.  

Aber können uns die Verhältnisse etwa in der bangladeschischen Textilindustrie heute zufriedenstellen? Hat sich der Anteil nachhaltig genutzter Ressourcen weltweit signifikant erhöht? Wird das verunreinigte Abwasser der Veredelungsbetriebe in Bangladesch oder Pakistan heute überwiegend sauberer abgeleitet? In all diesen Bereichen besteht ohne Zweifel weiter Handlungsbedarf.

Kann das Textilbündnis hier Abhilfe schaffen? Ja, es kann. Auch wenn sich in weiten Teilen der Gesellschaft die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass die großen Markenartikler und Händler die ausschließliche Verantwortung für die Wertschöpfungsketten der vertriebenen Produkte haben, so können einzelne Akteursgruppen diese Verantwortung doch nur mittelbar wahrnehmen. Die unmittelbare Verantwortung liegt weiter in den Händen der jeweiligen gesellschaftlichen Kräfte vor Ort. Aber diese Kräfte in Schwellen- und Entwicklungsländern nehmen ihre Verantwortung meist nicht adäquat wahr. Gemeinwohl ist hier häufig noch ein Fremdwort, Korruption stattdessen an der Tagesordnung.  

Im Textilbündnis sitzen nun die richtigen Partner am Tisch: neben Wirtschaft, NGOs und Gewerkschaften auch die Politik. Sie schließen hier in Europa ein Bündnis zu Gunsten der Menschen in den Produktionsländern, die eigentlich unter der Obhut ihrer Regierungen, ihrer Interessensvertretungen und ihrer Eliten stehen. Deshalb müssen Hürden überwunden, Widerstände sukzessive abgebaut werden. Dafür ist es notwendig, ökonomische Kräfte zu bündeln, gesellschaftliche Akzeptanz aufzubauen und politischen Druck zu erzeugen. Und so haben alle Partner im Textilbündnis ihre spezifische Rolle: Die Wirtschaft muss ihre Standards entwickeln und durchsetzen. Die NGOs flankieren das durch zivilgesellschaftliche Unterstützung und Meinungsbildung. Die Politik stellt finanzielle Mittel zur Verfügung und entwicklungspolitisches Know-how. Und setzt das Thema auf die internationale politische Agenda.  

Der Schlüssel zum Erfolg ist hier wie anderswo die Kraft der Vielen. Deshalb bin ich davon überzeugt: Das Textilbündnis ist ein Meilenstein!


Foto: © eliasbilly – Fotolia.com



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