„Traut Euch!“ Ein Bericht über das Frauen-Digitalcamp developHER
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„Traut Euch!“ Ein Bericht über das Frauen-Digitalcamp developHER

28/01/2020

Am und 24. und 25. Januar dieses Jahres konnten Frauen bereits zum dritten mal beim Digital-Camp developHER digitales Know-how tanken. Handverlesen und auf Augenhöhe. So war es als Teilnehmerin.

Er wirft mir ein verzerrtes Lächeln zu. „Warum“, fragt er. Ich wollte es nicht anders, beziehungsweise konnte nicht anders, denke ich. So genau weiß ich das jetzt auch nicht, will ich sagen. Bevor wir uns in Sätzen verlieren, unterbricht Matthias den Dialog zwischen meinem Chatbot und mir. Ich darf erst einmal die Bots der anderen kennenlernen und diese Bot-Truppe, die wir in den vergangenen zwei Stunden entwickelt haben, ist recht passabel. Sie führen bereits längere Dialoge mit dem User, denken nach, sind schnippisch und verstecken sich, wenn ihnen eine Antwort nicht gefällt. Besonders intelligent sind sie alle noch nicht.

Es ist erstaunlich, wie viel man an einem Tag in Sachen Programmierung lernen kann und wie einfach sich das Wissen in ein erstes kleines Projekt übersetzen lässt. Das führt einem das Digital-Camp developHER vor Augen. Das Format wurde initiiert von PLAN F, einem Female Business Network, das 2016 von Mitarbeiterinnen von OTTO und der Otto Group gegründet wurde. Alle sechs Monate öffnet der Co-Working-Space Collabor8 auf dem Campus der Otto Group seine Türen für alle, die die Tech-Welt, ihre Tools, ihre Sprache und ihre Vielfalt kennenlernen möchten.

In 2018 konnte ich die erste Ausgabe von developHER erleben. An knappen zwei Tagen lernten wir damals eine Web-Applikation mit Java-Script zu programmieren. Ich erinnere mich genau an meine Euphorie, als der „Hello World“-Schriftzug in meinem Browser erschien. Ich hatte soeben mein erstes kleines Programm geschrieben. Mit Code kann ich neue Welten erschaffen, die sich auf jedem beliebigen Bildschirm materialisieren, dachte ich. Was könnte ich alles entwickeln, wenn ich nur die Sprache lerne! Eine Plattform für Green Fashion. Einen Button für otto.de, der die Webseite in Grün taucht und nur die nachhaltigen Produkte anzeigt.

Zugegebenermaßen waren das zu ambitionierte Ideen für den Workshop. Für Anfänger passend stiegen wir mit einer To-Do-Liste in das Programmieren ein. Die Experimentierfreude meinerseits war groß. Darum zerschoss ich meinen Programm-Code am Ende der Session. Ich wollte zu viel in zu kurzer Zeit. Trotzdem nahm ich einiges von dieser ersten developHER mit nach Hause:

  • Programmieren macht Spaß
  • Code ist eine Sprache, die man lernen kann wie jede andere
  • Programmieren ist nicht so schwer wie man denkt
  • Programmieren ist ein kreativer Prozess
  • Wenn man Entwickler*in werden möchte, braucht man einen langen Atem und viel Geduld
Geballte Expertenpower bei develop<HER>

Frauke Mispagel (li., OGDS), Katy Roewer (mi.) und Michael Müller-Wünsch (re.) (beide OTTO) appellieren mit persönlichen Worten an die Teilnehmer*innen: Eine Karriere als Woman in Tech ist nicht nur machbar, sondern ausdrücklich erwünscht.

#developher3null

Anfang dieses Jahres werde ich an diese Erfahrungen wieder erinnert. Ich sitze im Publikum der mittlerweile dritten developHER und höre, wie Michael Müller-Wünsch sagt: „IT ist einer der kreativsten Bereiche eines Unternehmens.” Es ist schon fast eine Tradition, dass der Bereichsvorstand Technology bei OTTO  zusammen mit Personalvorständin Katy Roewer die Teilnehmer*innen zu Beginn des Events begrüßt und bei dieser Gelegenheit noch einmal seinen Wunsch bekräftigt: „Wenn es soweit ist, hoffe ich, dass eine Frau meine Position übernimmt.“

„Traut Euch. Es gibt keinen Grund, es nicht zu versuchen“, bestärkt Frauke Mispagel ihrerseits die Teilnehmer*innen, insbesondere die, die damit liebäugeln, in das IT-Geschäft einzusteigen oder eine digitale Geschäftsidee endlich umzusetzen. Die Geschäftsführerin der Otto Group Digital Solutions baut Startups in den Bereichen Fintech, E-Commerce und Logistik auf. Sie selbst ist keine Entwicklerin. Im Gegenteil, sie hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Nach einem Aufenthalt bei J.P. Morgan gründete Frauke das Startup Ecogood. Das war ihr Einstieg in die Tech-Szene inklusive klassischer Fuck-Up-Story, die in der Digitalbranche in jeden Lebenslauf gehört, wenn man den Silicon-Valley-Mythen Glauben schenken möchte. Wer Mut hat und etwas Neues ausprobiert, macht wertvolle Erfahrungen für künftige Jobs, so Frauke – gerade dann, wenn man scheitert. Bei vielen Berufen in der IT gehe es vor allem darum die Sprache, Prozesse und Hintergründe zu verstehen, sagt sie. Das Programmieren übernehmen die anderen.

Im Publikum sitzen an diesem Freitagabend rund 120 Einsteiger*innen neben Expert*innen, Student*innen, neben Manager*innen und Senior*innen. Ursprünglich als Digitalcamp speziell für Frauen gestartet, hat sich developHER inzwischen für alle geöffnet und heißt jede*n willkommen - unabhängig von Alter, Geschlecht und Wissensstand. Es gibt keine Ansprüche an Wissen oder Können. Es geht um Spaß und Neugier. Es geht um Netzwerken.

Wie auch bei der ersten Veranstaltung hört man nach den Begrüßungstalks Geplauder in allen Bereichen des Collabor8. Wer macht welchen Workshop? Wer hat an der letzten developHER teilgenommen? Was erwartet uns morgen? Es ist ein kurzweiliger Abend, ein charmantes Einstimmen bei Drinks, Snacks und Popcorn. Vorfreude auf den nächsten Tag liegt in der Luft.

Der Samstag

Samstag. 7:00 Uhr. Die härteste Probe für meinen Willen zum Workshop nach Wandsbek zu fahren, ist das frühe Aufstehen am Wochenende. So geht es einigen, die gegen neun auf dem Gelände eintreffen. Das Netzwerken prägt die Tage von developHER. Es beginnt direkt am Eingangstor und setzt sich im Aufzug in den achten Stock fort. Die anfängliche Müdigkeit ist recht schnell vergessen. Ich treffe eine Pädagogin, die in einem Startup für E-Learning-Programme arbeitet und mit mir zusammen in der ersten Session sitzen wird. Es gibt Croissants und Kaffee mit Blick über das nebelverhangene Gelände der Otto Group.  

Für die dritte Ausgabe von developHER hat das Team von Plan F das Programm überarbeitet und ausgebaut. Insgesamt laufen an diesem Tag 12 Workshops. Die einen lernen die Grundlagen in IT-Vokabular und agilem Arbeiten, die anderen beschäftigen sich mit Blockchain oder tüfteln an ersten Python-Codes. Gerade Coding-Sessions sind begehrt und sind sehr schnell ausgebucht. Ich starte mit der Session „Tech Deutsch / Deutsch Tech“ in den Tag.

Buzzword Bingo

Unsere Hosts Anja und Frederic haben schon in ihrer Jugend an Computern geschraubt und zeigen uns in einem kurzen Hardware-Intro, wie einfach das ist. Ich habe zu Hause selbst eine alte Platine samt Prozessor liegen. Die diente einst als Einladungskarte zu einem Event. Genauer angeschaut hatte ich sie bisher nicht. Klar kenne ich Ausdrücke wie RAM, CPU mit Duopol. Auch in das BIOS meines ersten Rechners habe ich reingeguckt. Aber wofür standen noch einmal die Abkürzungen und was ist eigentlich AWS?

Die Session ist ein Einsteiger-Workshop, für den ich einige aus der Gruppe und mich selbst als zu fortgeschritten eingeschätzt hatte. „Der Kurs dient mir zur Selbstreflexion. Er hilft mir zu erkennen, welche Termini ich selbstverständlich im Gespräch nutze, die Kunden und Fachfremde aber nicht verstehen“, erklärt eine Startup-Gründerin neben mir ihre Motivation. Dank Anfänger-Level kommen wir schnell ins Gespräch mit den Coaches und driften mal hier, mal da in Themenbereiche ab, die uns interessieren. Wir diskutierten über die Endlichkeit von physischen Speichern, über klimatische Kriterien, die für die Standortwahl von Rechenzentren relevant sind, und reißen das Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung an. Besonders spannend sind die Lebensläufe der Workshop-Leiter und der Teilnehmer*innen: Neben der Startup-Gründerin und der Pädagogin sitzt auch eine Linguistin in der Gruppe, die im Bereich des Voice Computing arbeitet. Auch aus der Corporate-Social-Responsibility-Abteilung der Otto Group nimmt eine Mitarbeiterin teil und eine Office Managerin ist ebenfalls dabei. Bereits in dieser Gruppe wird deutlich, wie vielseitig die Aufgaben in Tech-Unternehmen sein können. Für ihre spezifischen Produkte suchen die Konzerne und Start-ups auch Expert*innen, die an der Schnittstelle „Mensch Maschine“ arbeiten und die Ansprüche des Menschen an das Programm formulieren.

Konzentiertes Arbeiten bei developHER

Job-Eldorado IT-Branche - Kann ein Quereinstieg gelingen?

In der Mittagspause setzen wir genau diese Gespräche fort. Wir diskutieren über das Business, Job-Profile und Women in Tech. Der Fachkräfte-Mangel der IT-Branche ist bekannt und so stellt sich für einige die Frage, ob im Tech-Bereich der nächste interessante Job liegen könnte. Doch lohnt sich der Quereinstieg? Und was braucht ein*e Kandidat*in, um für Recruiter*innen in diesem Feld attraktiv zu sein? Kurz vor der zweiten Session-Runde findet zu diesem Thema eine Talkrunde statt. Isabelle Ewald, Mit-Organisatorin der developHER und Digital Communcations Consultant bei der Otto Group, spricht mit der freien Software-Entwicklerin Nina Siessegger und Franziska Knedel, IT-Recruiterin beim konzerneigenen Softwaredienstleister OSP.

Entwicklerin Nina hat sich Coding selbst beigebracht. Abends nach der Arbeit paukte sie Tutorials und schrieb Programme. Ohne Spaß an der Sache und einen langen Atem wäre das nicht möglich gewesen, gibt sie zu. Ein Bekannter suchte dringend Programmierer*innen und gab ihr die Chance, sich austesten und schließlich in die Branche einzusteigen.

Genau diesen Mix suchen Recruiter*innen. Die Begeisterung für Entwicklung, aber auch der Wille, in der IT-Branche zu arbeiten, und auch Rückschritte in Kauf zu nehmen, müssen in einer Bewerbung von Quereinsteiger*innen deutlich werden, sagt Recruiterin Franziska. Dann besteht die Chance auf ein Kennenlernen und den Job. Noch bewerben sich Quereinsteiger*innen selten. Wenn sie es tun, dann werden sie genauso berücksichtigt wie die anderen Kandidat*innen, erzählt Franziska. Klappt der Wechsel, so bedeute dies für manche einen Einschnitt im Gehalt. Die Recruiterin bleibt ehrlich. Die ersten Lehrjahre halten für Quereinsteiger*innen viel Arbeit und des Öfteren Frustration bereit.

Den Wechsel erleichtern, können neue Aus- und Weiterbildungsbildungsformate, die von Unternehmen speziell für die gewünschten Jobprofile aufgebaut werden und den Quereinstieg mit Lerninhalten begleiten. Ein erstes Format, das in diese Richtung geht, bietet die Hamburger Weiterbildungsschule „Neue Fische“ an. In einem dreimonatigen Boot Camp werden Coder ausgebildet. Für die Praxis-Erfahrung arbeitet Neue Fische mit Unternehmen wie About You zusammen. Diese Form des Quereinstiegs finde ich durchaus interessant.

die bots

Ein Chatbot entsteht

Nach dem Talk sitze ich nun in der letzten Session. Wir wollen Chatbots bauen. Die Bots bestehen aus einer animierten Grafik und einem Dialogfeld, in dem Fragen und Antworten eingetippt werden können. Warum wir hier sitzen, möchten die Workshop-Leiter Matthias und Tom wissen? Die eine möchte sich über Anwendungsmöglichkeiten für Wissensmanagement informieren, die andere überlegt, wie durch Bots Marktforschungsprozesse automatisiert werden könnten. Eine dritte fragt sich, ob es sich lohnt, Bots im Marketing einzusetzen. Eine weitere und ich sind schlicht neugierig. Chatbots können meist nicht viel. Warum nicht, möchte ich wissen.

Die Antwort gebe ich mir recht schnell selbst, als ich meinen Chatbot entwickle. Mithilfe eines Lernprogramms für Kinder machen wir im Workshop unsere ersten Mini-Schritte im Machine Learning. Wir bringen dem Programm bei, welche Ausdrücke „nett“ und welche „unfreundlich“ sind. 

Der Bot weiß damit aber auch nur das, was wir ihm in den zwei Stunden an Informationen geben. „Wie findest Du meine Farbe?“ ist die Eröffnungsfrage, die mein Chatbot stellt. Gebe ich eine Antwort in das Dialogfeld, dann versucht er aufgrund seiner Datenbasis, die richtige Antwort zu finden und reagiert mit einer entsprechenden Animation darauf. Ist meine Aussage nett, dann lächelt er. Ist meine Aussage unfreundlich, guckt er wütend. Das Aussehens des Bots können wir selbst entwerfen. Unter einigen selbst gemalten Smileys finden sich auch ein Dinosaurier und ein Alien, die das Programm als Animation anbietet.

Auch wenn unsere Bots für zwei Stunden Arbeit passabel sind, die Programmierung ist recht komplex und nicht ganz zufriedenstellend. Manche hätten sich noch mehr Einblicke in das Thema gewünscht. DevelopHER kann an diesen Tagen jedoch nur nur Coding-Teaser anbieten. Ich bin recht zufrieden mit meinem Bot, auch wenn er krakelig ist und enttäuscht „Warum“ fragt, wenn ich ihm sage, dass seine Farbe schön ist. Sine Antworten sind selten korrekt. Vielleicht trainiere ich ihn weiter.

Nach der Session steht der Abschied an. Auf dem Rückweg überlege ich, was developHER für mich ausmacht. Man trifft hier auf Gleichgesinnte, mit denen man erste Schritte im Coding machen kann, sowie auf Expert*innen, die davon erzählen können, was einen in der jeweiligen Branche erwartet. developHER lebt von den 25 Mentor*innen, die sich Zeit nehmen, den Teilnehmer*innen unvoreingenommen und mit Geduld zu begegnen. Es ist der Spaß in den Sessions, das nette Miteinander und das Networking. Gerade in Bezug auf das Netzwerken hat sich bei den developHER –Events immer das bestätigt, was Frauke Mispagel uns am ersten Abend mitgibt: Networking lohnt sich immer. Das trifft auch bei mir zu. Ich habe bei beiden Veranstaltungen von developHER Teilnehmer*innen kennengelernt, mit denen ich auch nach den Camps in Kontakt bleibe. Ob ich noch professionelle Coderin werde? Wer weiß. Was ich weiß, ist, dass ich auf jeden Fall dranbleiben werde. Aus Spaß. Aus Neugier. Zum Experimentieren.  

Nantjen Küsel

 

 
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