Verändert Corona unsere Lust auf Reisen?
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Verändert Corona unsere Lust auf Reisen?

06/08/2020

Das Coronavirus verändert unser Leben nachhaltig. Plötzlich gelten neue Regeln im gesellschaftlichen Miteinander und auch in unserer eigenen Privatheit haben wir uns auf neue Prinzipien und Gewohnheiten – und zum Teil auch auf neue Werte – geeinigt. Lange Zeit galt „The new Normal“ als das Bonmot der Stunde. Wie manifestiert sich diese neue Normalität? Wie radikal sind die Veränderungen? Vor allem aber: Bleibt das jetzt für immer so? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen wir uns an dieser Stelle seit einigen Wochen. Thema heute: Reisen.

Sommerzeit ist (unter normalen Umständen) Reisezeit. Und der August bekanntlich einer der Lieblings-Reisemonate der Deutschen. Doch richtige Urlaubsstimmung kommt bei vielen trotz der Lockerungen innerhalb der EU seit dem 15. Juni nicht so wirklich auf. Die Flughäfen sind auch zum Schulferienstart ungewohnt leer. Statt mit Schlangen vor der Sicherheitskontrolle müssen Urlauber damit jetzt vor dem Bäcker auf der Nordseeinsel rechnen. Und wen es doch ins Ausland treibt, der landet auf Malle statt auf den Malediven.

Fernreisen waren zu Zeiten von Billig-Airlines, Schnäppchenportalen und Pauschalangeboten eigentlich kein Privileg mehr – bis zum März 2020. Als die Länder ihre Grenzen dicht machten und internationales Reisen unmöglich wurde, schien die letzte Reise dann doch wie etwas unermesslich Wertvolles. Langsam nimmt die Urlaubsplanung wieder etwas Fahrt auf, trotzdem verzeichnen die deutschen Flughäfen insgesamt nur einen kaum merkbaren Anstieg an Fluggästen.

Im Juni zählten die Flughäfen fast 1,5 MillionenFluggäste – das entspricht einem Passagieraufkommen, das 93,7 Prozent unter Vorjahr liegt. Der Deutsche Reiseverband (DRV) verzeichnet für Flugpauschalreisen ans Mittelmeer leicht ansteigende Buchungszahlen, doch die Gesamtzahl liegt nur bei einem Viertel des Vorjahres. „Wir gehen davon aus, dass es nicht viel mehr als ein Drittel der Pauschalreise-Buchungen des vergangenen Sommers werden“, sagt Präsident des DRV, Norbert Fiebig.

Haben wir kein Fernweh mehr?

Fernweh

Haben wir uns nun etwa daran gewöhnt, unsere Auszeit vom Alltag auch mal in der Heimat zu genießen? Oder ist die Sorge schlicht größer als das Fernweh? Der Wirtschaftspsychologe Martin Lohmann sagt, es gebe zum einen wirtschaftliche, noch mehr aber psychologische Gründe. Viele sind privat finanziell von der Krise getroffen, gleichzeitig können Hotels und Reiseanbieter nur begrenzt wieder Betrieb aufnehmen. Dazu kommt die Sorge um die Gesundheit. „Es gibt aber beides: Solche, die platzen vor Freiheitsdrang und sofort wegfahren, sobald es wieder möglich ist. Die anderen - und das ist wohl die größere Gruppe - fragen sich: ,Will ich das überhaupt, mit vielen Menschen im Flugzeug, mit Maske im Hotel oder auf dem Kreuzfahrtschiff?’“ 

Laut einer Umfrage von lastminute.de, geben 61 Prozent der Befragten an, am glücklichsten mache sie, Zeit mit ihren Liebsten zu verbringen, 33 Prozent geben an, das Schönste für sie wäre die Entspannung. Für 24 Prozent dagegen ist es das Schönste, an Orte zu reisen, die man nie zuvor besucht hat. Die Ergebnisse der Umfrage passen auch zu Lohmanns Bewertung. Während es für die einen nichts mit Entspannung zu tun hat, während einer Pandemie in vollbepackte Flugzeuge zu steigen und in ein fremdes Land zu reisen, bleibt nur ein kleiner Teil der sonst so reisefreudigen Deutschen übrig, den das Fernweh packt. Dieser Teil stürzt sich furchtlos auf die Corona-bedingt begrenzten Hotels, Flüge und Komplettreisen und sorgt auch schon für Schlagzeilen wie die vom Ballermann.

Urlaub in Deutschland

Die Nordseeinsel Sylt ist ausgebucht. Mit Abstand im Strandkorb liegen, Radtouren machen und spazieren bietet sich diesen Sommer an. Die Konsequenzen sind ausgebuchte Strandkörbe und morgendliche Schlangen vor den Bäckereien, die denen vor dem Sicherheitscheck am Flughafen zu Stoßzeiten Konkurrenz machen. 

Urlaub in Deutschland

„Seit die Insel wieder für Urlauber geöffnet wurde, ist die Nachfrage anhaltend stark“, sagt Moritz Luft von der Sylt Marketing GmbH. Ähnlich verhält es sich auch an der Ostsee. Dort mussten bereits im Juni Zufahrtsstraßen zu den Stränden für Tagesgäste wegen Überfüllung gesperrt werden. Dunkelberg rät dazu „auch in die Mittelgebirge oder etwa zu den unbekannteren Seen in Brandenburg zu fahren, damit sich nicht alles auf wenige Regionen konzentriert.“ Die Entspannungssuchenden haben längst umgesattelt. Deutschland, das eh schon beliebteste Reiseziel der Deutschen, hat schließlich auch Orte zum Erholen. „Wir sehen eine sehr hohe Nachfrage nach Urlaub an den Hotspots wie der Ostsee, der Nordsee und Bayern“, sagt Dirk Dunkelberg, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). 

„STAYCATION“ ALS MARKETINGFAKTOR

Einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des Magazins „ARD Extra“ vom Mai 2020 zufolge gaben 50 Prozent von 1.018 Befragten (Bevölkerung in Deutschland ab 14 Jahren) an, gänzlich zu Hause zu bleiben. Dass diese, für deutsche Verhältnisse fast schon ungewöhnliche Situation direkte Implikationen auf das Konsumverhalten hat, liegt auf der Hand. Das Handelsjournal berichtet in Anlehnung an den „Staycation Report“ von Ebay Advertising“ von fünf verschiedenen Shopping-Typen, darunter den Home-Beacher, Outdoorfan, Familienurlauber, Kulturliebhaber und Aktivurlauber. Sie alle unterscheiden sich durch unterschiedliche Bedürfnisse und müssen von Marketern daher individuell angesprochen werden. So interessiert sich der Home-Beacher eher für Produkte wie Standliegen, Pools oder Hängematten, während der Familienurlauber vor allem die Kleinen bespaßen kann: Trampoline, Sandkästen und Indoor-Spiele bei schlechtem Wetter stehen hier wiederum im Vordergrund.

Staycation Report Ebay

Ein Dauertrend oder zeitlich begrenzt?

An dieser Stelle sollte die Frage wohl eher sein, ob dieser Trend örtlich, statt zeitlich begrenzt ist. Denn spätestens mit den Begrenzungen eines  wochenlangen Lockdown sollte uns bewusst sein, dass das Freiheitsgefühl, das den Reisewunsch in uns auslöst, nicht unbedingt mit einem bestimmten Ort zusammenhängt, sondern auch schon dann einsetzen kann, wenn man mal aus seinem Alltagstrott und den eigenen Wänden rauskommt. Und dass die Entspannung und Erholung, die wir nach einem Urlaub am meisten genießen, sich auch ohne lange Flüge erreichen lassen. Das Stichwort ist “Flugmodus statt Flughafen”!

Carlotta Schaffner, Otto Group Digital Solutions

 

 
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