„Waste is a Design Flaw“: Warum wir Müll neu denken müssen
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„Waste is a Design Flaw“: Warum wir Müll neu denken müssen

25/10/2019

Statt Produkte permanent zu entsorgen, sollten wir den Müll von vornherein vermeiden, findet die Gestalterin Leyla Acaroglu. Ihre Forderung: Bereits im Gestaltungsprozess müssen die entsprechenden Weichen gelegt werden – auch aus gesellschaftlicher Sicht.

Boyan Slat vermeldet Anfang Oktober endlich einen Erfolg via Twitter: „Our ocean cleanup system is now finally catching plastic“. Nach mehreren negativen Testversuchen fischt der Niederländer mit seinem Müllfänger Plastik in größeren Mengen aus dem Meer. Künftig möchte er große Plastikansammlungen aus den Ozeanen holen und im besten Fall Plastikstrudel wie den Great Pacific Garbage Patch auflösen.

Zwar ist Slats Vorhaben in seiner Auswirkung auf das Ökosystem der Ozeane nicht unumstritten, seine positive Wirkung auf die Gesellschaft ist es allerdings nicht. Seit dem Moment, als er mit 17 Jahren seine Projekt-Idee Ocean Clean up auf der TedxDelft 2012 vorgestellt hat, rückt er mit jeder Phase seines Projektes ein unbequemes Problem immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit: die permanente Ignoranz und gleichzeitig riesige Menge des zivilisatorischen Abfalls. Müll lässt sich abfahren, verbrennen, im besten Fall recyceln. Im schlechtesten Fall landet er in der Umwelt wie im Ozean, wo er mittlerweile in kilometerlangen und tonnenschweren Strudeln zirkuliert. 

Aus den Augen aus dem Sinn – das war und ist immer noch zu lange Praxis, wenn es um Abfall geht. Davon ist Leyla Acaroglu überzeugt. „Müll ist ein Design-Fehler“, sagt die Australierin, die Otto Group Unterwegs auf der Me Convention in Frankfurt kennenlernen durfte. Ihr Ansatz: Bereits im Designprozess werden Produkte für eine Wegwerfgesellschaft gestaltet – von Kosmetik mit Mikroplastik über Fast Fashion und Einwegverpackungen im Food-Bereich bis hin zu Elektronikartikel wie Smartphones. Sie zeigt damit eine neue, interessante Perspektive auf: Während Boyan Slat junge Entrepreneure weltweit dazu inspiriert, vom Menschen verursachte, soziale und ökologische Probleme mit innovativen Erfindungen zu begegnen und zu beheben, setzt Leyla Acaroglu als Designerin bei der Ursache und Entstehung dieser Herausforderungen an.

Statt Produkte permanent zu entsorgen, sollten wir den Müll von vornherein vermeiden, findet die Gestalterin. Sie fordert ein disruptives Design, das eine transformative Wirkung auf die Gesellschaft hat und die Welt zum Positiven verändert. Dafür streicht sie sogar das „Recycle“ aus dem viel zitierten Spruch „Repair. Reuse. Recycle“. Recycling gebe den Menschen ein gutes Gefühl, weil sie glauben, dass sie ihren Abfall in einen Kreislauf geben, so Acaroglu. Doch nicht jeder recycelt richtig und Recyclingprozesse sind oft komplex und energieaufwendig. Zumal sich nicht jedes Objekt recyceln lässt.

Müll am Strand: Ein Umstand der schon beim Produktdesign vermieden werden kann, so Acaroglu
Müll am Strand: Ein Umstand der schon beim Produktdesign vermieden werden kann, so Acaroglu

Bestes Vorbild? Die Natur!

Damit besteht das Abfallproblem nicht nur in der Verschmutzung der Umwelt, sondern auch darin, dass Recycling-Kreisläufe und Produkte noch nicht so ausgereift sind, dass alle Stoffe vollständig wiederverwertet werden können. Unser Vorbild in der Produkt-Entwicklung sollte darum künftig die Natur sein, sagt Acaroglu. Die Natur produziere in ihren Designs schließlich auch keine Abfallprodukte. Im Gegenteil ihren Produkten ist die Wiederverwertung des Materials inhärent. Jeder Stoff kann als Rohstoff wieder genutzt werden. Das sollte auch unser Ziel sein. Wir können die erste Generation ohne Müllproduktion sein, stellt Acaroglu in Aussicht.

Die Gestalterin gehört mit ihrem „Disruptive Design“-Ansatz zu den prominenten Botschafter*innen der Circular Economy, zu denen auch unter anderem der in Deutschland 2012 gegründete Verein Cradle to Cradle zählt. In Anbetracht von Repair Shops, Müll-Apps, der Zero-Waste-Bewegung und der aktuellen Klima-Debatte setzen sich immer mehr Menschen mit dem Thema Nachhaltigkeit und Müllvermeidung auseinander. Nach dem Talk von Acaroglu waren wir neugierig und haben eine spontane Online-Umfrage zu dem Thema gestartet. Wir wollten wissen: Wer recycelt, wer repariert und wer kauft neu? Die durchschnittliche Antwort lautet „Mal so, mal so“. Insgesamt deutet sich in der Umfrage ein positiver Trend zu einem nachhaltigeren Lifestyle unter den 1.000 Befragten an.

So stimmte die Mehrheit, circa 64 Prozent, mit Leyla Acaroglu überein: Wir müssen den Wert von Produkten wieder schätzen lernen und Objekte gestalten, die den Repair und Reuse-Gedanken in sich tragen. Aber wie sieht es im Alltag aus? Vermeiden denn die Befragten Müll, wollten wir wissen. Mit einem klaren „Ja“ antwortet circa jeder sechste der Umfrage-Teilnehmer*innen. Zu einem „Eher ja“ tendierten zwei von fünf Befragten (41 Prozent). Rund ein Viertel der Teilnehmer*innen entschied sich für ein „Eher nein“.

Und wer kennt sich im Recycling aus? Immerhin jeder Sechste hat selbstbewusst mit „Ja, ich weiß wie man richtig recycelt“ auf die Frage geantwortet. Fast die Hälfte der Teilnehmer*innen (48 Prozent) wählte ein „Eher ja“.

Neukauf oder Reparatur? Wer bevorzugt was? Das wollten wir ebenfalls wissen. Bei dieser Entscheidung sieht es etwas diverser aus. Jeder Fünfte kauft sich lieber etwas Neues. Die Mehrheit entscheidet nach Situation und antwortete mit einem „Mal so, mal so“. Zur Reparatur bringt wiederum ein Drittel der Befragten die Dinge, die zunächst kaputt sind. Und wer ist kreativ und sucht alternative Einsatzmöglichkeiten für ein Produkt, bevor er es wegschmeißt? Rund die Hälfte (45 Prozent).

Besonders interessant wird es bei der Frage „Ist es Deiner Meinung nach leicht, in Deutschland Müll zu vermeiden“. Die Mehrheit (42 Prozent) antwortet mit „Eher nein“, jeder Zehnte (11 Prozent) wählte sogar ein klares „Nein“ auf die Frage. Nur drei von zehn Befragten (30 Prozent) sprachen sich für ein „Eher ja“ aus.

Komplett wiederverwendbar: Die Bauteile des Fairphones
Komplett wiederverwendbar: Die Bauteile des Fairphones

Unternehmen sind gefordert

Der Design-Ansatz von Acaroglu geht genau auf dieses Problem ein. Der Mensch sucht im Alltag meist den Lösungsweg, der ihm am einfachsten erscheint, ist ihre These. Momentan lautet dieser noch zu oft „Ab in die Tonne“, wenn ein Produkt nicht mehr gebraucht wird. Aus Sicht der Gestalterin sind darum insbesondere Unternehmen gefordert. Sie sind Designer unserer Produkt- und Dienstleistungswelt. Ihre Aufgabe ist es deshalb, die gesamte Wertschöpfungskette sozial fair und umweltgerecht zu gestalten – vom Ressourcen-Verbrauch über Prototyp-Design und Supply-Chain-Management bis hin zum Nutzungsende. Wenn ein Objekt seine Nutzungsdauer überschritten hat, sollte es auch leicht sein, das Produkt in seine Rohstoffe zu zerlegen und diese erneut in den Kreislauf zu bringen. Doch wie kann das aussehen?

Ein klassisches Beispiel ist das Fairphone. Das Team um Gründer Bas van Abel hat bereits beim Design des Smartphones darauf geachtet, dass sich Komponenten austauschen lassen oder die Rohstoffe wiederverwendet werden können, wenn das Telefon doch kaputt sein sollte. Ein weiteres Beispiel ist ifixit. Wer nicht weiß, wie er seinen kaputten Fernseher oder das Fahrrad repariert, wird auf der Online-Plattformen fündig. Hier posten Menschen Reparatur-Anleitungen für alle erdenklichen Dinge.

Für über die Jahre gewachsene Unternehmen ist es eine große Herausforderung und ein langwieriger Prozess Nachhaltigkeit in Managementprozesse zu integrieren. Doch auch hier haben sich schon viele auf den Weg gemacht. Zu den prominentesten gehören die Outdoor-Hersteller VAUDE und Patagonia, aber auch die Otto Group. Bereits 1986 erklärte Prof. Dr. Michael Otto den Umweltschutz zum offiziellen Unternehmensziel. Von dem Verbot von Echtpelzen in den 1990ern über die Gründung der Aid by Trade Foundation in 2005 und der Beteiligung an der Multistakeholder-Initiative der Bundesregierung Textilbündnis, das sich für soziale und ökologische Standards in der Textilproduktion einsetzt, bis hin zur Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie 2020 in 2012 – seit über 30 Jahren arbeitet die Otto Group daran, Nachhaltigkeitsziele sukzessive in der Wertschöpfungskette umzusetzen und damit seiner gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung gerecht zu werden.

Aber auch jede*r einzelne kann viele Ansätze verfolgen, um nachhaltiger im Arbeits- und Lebensalltag zu leben. Schließlich stehen wir immer noch am Anfang, die Wegwerfgesellschaft mit nachhaltigen Ideen zu einer umweltfreundlichen und sozialeren umzuwandeln. Jeder kleine Schritt zählt hierbei. Was wir darum von Leyla Acaroglu, die unter anderem als Champion of the Earth von dem United Nations Enviromental Programme ausgezeichnet wurde, mitnehmen: So groß ökologische und soziale Herausforderungen auch sind, für jedes Problem gibt es eine Lösung. Man muss nur lernen, diese Herausforderungen anzunehmen, aus alten Denkmustern auszubrechen und man muss sich auf den Weg machen, diese Probleme zu lösen. Derzeit gibt es viele Vorbilder, die uns eine positive Aufbruch-Stimmung spüren lassen. Dazu gehört Boyan Slat, der mit vielen anderen Innovator*innen daran tüftelt, den Plastikmüll aus dem Ozean zu holen. Eine Rolle spielen hierbei auch die vielen kleinen Startups, die sich etwa mit biotechnischen Stoffen auseinandersetzen, um kompostierbares Verpackungsmaterial zu entwickeln. Erwähnenswert an dieser Stelle ist die Initiative Fashion for Good, bei der vielversprechende Neugründungen unter anderem von der Otto Group unterstützt werden. Am Ende des Tages arbeiten zahlreiche Nachhaltigkeitsakteur*innen daran, neue Handlungsspielräume für einen nachhaltigen Lebensstil aufzuzeigen. Oder um es mit den Worten von Leyla Acaroglu zu sagen: Wir sind alle Designer unserer Lebenswelt.

Redaktion ottogroupunterwegs
 
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