Wie verändert die Pandemie unseren Medienkonsum und den Informationsfluss?
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Wie verändert die Pandemie unseren Medienkonsum und den Informationsfluss?

14/05/2020

Das Coronavirus verändert unser Leben nachhaltig. Plötzlich gelten neue Regeln im gesellschaftlichen Miteinander, und auch in unserer eigenen Privatheit haben wir uns auf neue Prinzipien und Gewohnheiten – und zum Teil auch auf neue Werte – geeinigt. „The new Normal“ ist das Bonmot der Stunde. Wie manifestiert sich diese neue Normalität? Wie radikal sind die Veränderungen? Vor allem aber: Bleibt das jetzt für immer so? Mit diesen und weitere Fragen beschäftigen wir uns an dieser Stelle in den kommenden Wochen. Thema heute: Medien.

Medienkonsum

Während die Folgen des Corona-Virus uns den Alltag zu Hause verbringen lässt, laufen dort die Streaming-Dienste, Podcast-Apps, Fernseher und News-Apps regelrecht heiß. Wir verbringen nachweislich mehr Zeit mit den Medien und diese senden deutlich häufiger als vor Corona-Zeiten. Knapp 60 Prozent der Befragten verbringen seit Ausbruch der Corona-Pandemie mehr Zeit vor dem Fernseher und 57 Prozent verfolgen vermehrt die Nachrichten, so eine Studie von Statista.de.

So hat sich die durchschnittliche Zeit vor dem Fernseher im April im Vergleich zum vorigen Monat um eine knappe halbe Stunde erhöht, bestätigt eine Studie von RTL. Dabei ist nicht nur Unterhaltung ein Faktor, sondern auch der gesteigerte Informationsbedarf. Während Netflix im April fast eine Million mehr Aufrufe hat als noch im Februar, sind auch die Zahlen der User auf Online-Medien wie taz.de, spiegel.de, t-online.de und Focus Online im März und April gestiegen. (Quelle: Statista). 

„Das Ganze fühlt sich an wie in einem verrückten Film, in dem alle mitspielen müssen, und deswegen haben wir gedacht, lass uns die Dinge täglich besprechen, solange es nötig ist“ beginnt Jan Böhmerman die Folge ‚Fest & Flauschig Zuhause – 01‘ seines Podcasts mit Olli Schulz und veröffentlicht bis Ende April fast täglich eine neue Folge. So verändert sich durch die Pandemie nicht nur der Medienkonsum, auch Medienformate werden aktiver und senden häufiger als gewohnt. Online-Medien wie ndr.de und Zeit Online haben Live-Blogs eingerichtet und schicken jede Eilmeldung direkt auf die Smartphone-Bildschirme ihrer Abonnent*innen. Podcaster wechseln ihren Rhythmus – teilweise von wöchentlich zu täglich wie am Beispiel von Olli Schulz und Jan  Böhmermann. Neue Podcasts mit dem Virus als einzigem Thema entstehen, ebenso Corona-Specials in Newslettern, Online- und Print-Medien und auch über Social Media werden vermehrt News verbreitet. 

Warum ist das so? 

Die Krise hat unsere Gesellschaft kalt erwischt. Die gesundheitliche Bedrohung, die Störung unseres Alltags und die wirtschaftlichen Folgen sorgen bei uns für verstärkten Informationsbedarf. Die Medien reagieren auf dieses Bedürfnis mit gesteigerter Aufmerksamkeit, so wie wir es gerade erleben. Schließlich gilt für Journalist*innen bei der Berichterstattung stets, wie relevant und interessant ein Thema für die Lesenden ist. Die „Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe, wenn sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt“, so heißt es zum Beispiel im Landespressegesetz von Baden-Württemberg. Zusätzlich verstärkt die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Marken den Drang, über das Aktuelle als erstes und am detailliertesten zu berichten, um die Loyalität der Lesenden für sich zu gewinnen. 

Medienkonsum Corona

Der Druck zu veröffentlichen zeichnet sich auch in den sozialen Netzwerken ab. Dabei werden diese nicht immer zu faktenbasierter Berichterstattung genutzt. So kommt es immer wieder zu Behauptungen und Fake News, die wegen der Relevanz der Lage trotzdem eine hohe Reichweite erzielen. So wurde nach Präsident Trumps Kommentar über injiziertes Desinfektionsmittel als möglicher Schutz vor dem Virus auf Twitter innerhalb von 24 Stunden über 1,6 Millionen mal über ‚desinfection‘ und ‚bleach‘ getwittert, mehr als über ‚Covid-19‘ in diesem Zeitraum. Jedoch sorgt nicht nur der US-amerikanische Präsident für Falschinformationen. Durch die angestrebte Schnelligkeit online kommt es auch durch die Medien zu Missverständnissen und Fehlinformationen. Hinzu kommen Verschwörungstheorien, wie zum Beispiel vom ehemaligen Fernseh- und Radioredakteur Ken Jebsen, dessen Video vom 4. Mai fast drei Millionen Aufrufe hat. „Jeder ist heute Sender und Empfänger zugleich, sodass auch die Grenzen zwischen Medienproduzenten und Medienempfängern verschwimmen“, so wird es im Leitfaden Krisenkommunikation des bmi Bundes beschrieben. 

Ein Dauertrend oder zeitlich begrenzt? 

Zurzeit sind die Medien nicht nur damit beschäftigt, mit im Internet kursierenden Behauptungen aufzuräumen, sondern weiterhin über Maßnahmen, Lockerungen und weitere Auswirkungen des Virus berichten. Solange es konstant Neuigkeiten zu berichten gibt, wird auch der Informationsbedarf dementsprechend nicht abnehmen. Zusätzlich wird Leser*innen derzeit bewusst, wie wichtig eine sachliche und korrekte Berichterstattung ist und das diese ihren Wert hat: „Natürlich besteht gerade auch die Chance, Nutzer mit überzeugenden und glaubwürdigen Inhalten langfristig von Paid-Content zu überzeugen“, sagt Klaus Böhm, Leiter des Bereichs Media & Entertainment bei Deloitte und empfiehlt Medienhäusern ihre Strategie dementsprechend anzupassen.

Carlotta Schaffner, Otto Group Digital solutions

 

 
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