Wie wirkt sich das Coronavirus langfristig auf unsere Freundschaften aus?
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Wie wirkt sich das Coronavirus langfristig auf unsere Freundschaften aus?

28/05/2020

Das Coronavirus verändert unser Leben nachhaltig. Plötzlich gelten neue Regeln im gesellschaftlichen Miteinander und auch in unserer eigenen Privatheit haben wir uns auf neue Prinzipien und Gewohnheiten – und zum Teil auch auf neue Werte – geeinigt. „The new Normal“ ist das Bonmot der Stunde. Wie manifestiert sich diese neue Normalität? Wie radikal sind die Veränderungen? Vor allem aber: Bleibt das jetzt für immer so? Mit diesen und weitere Fragen beschäftigen wir uns an dieser Stelle in den kommenden Wochen. Thema heute: unsere zwischenmenschlichen Beziehungen.

In den letzten Wochen konnte sich wohl jede*r einen Begriff von Zoom, Hangouts, Online-Schalten und Webinaren machen. Die digitalen Tools, die uns trotz gebotenem „Social Distancing“ zusammenbringen, sind in den letzten Wochen immer wichtiger geworden. Denn gerade in der Krise ist der Mensch ungerne alleine.

Die Videochat App Zoom wurde alleine im April in Deutschland über 1,7 Millionen Mal heruntergeladen – trotz datenschutzrechtlicher Bedenken. Auch Skype, Microsoft Teams und Jitsi Meet sind im selben Monat unter den Top Ten. Digitale Möglichkeiten sind geschäftlich sowie privat während der Pandemie zum Standard geworden. Das Netzwerken und die Kontaktpflege sind auch während Corona für uns wichtig. Neue Verbindungen zu knüpfen fällt dagegen schwerer, jetzt wo es kaum zu einem physischen Kennenlernen mehr kommt beziehungsweise kommen darf. Dass Dating dadurch stagniert, lässt sich auch in den Zahlen der des digitalen Partnervermittlers Tinder erkennen: Die Swiping-App hatte lange nicht mehr so geringe Downloadzahlen wie im April. Sowohl im Apple App Store als auch im Google Play Store gab es rund 20.000 Downloads weniger als zur gleichen Zeit im Vorjahr.

Lieber ein Freund in der Ferne als ein Feind in der Nähe

Dabei ändert sich nicht nur, dass wir verhältnismäßig wenige neue Menschen kennenlernen, sondern auch, welche Personen aus unserem Alltag (vor Corona) wir sehen und wie häufig. Kontaktbeschränkungen und gebotener Abstand zwingen uns gerade zur weitgehenden Solitude. Der fehlende soziale und physische Kontakt belastet uns und unsere Freundschaftsgefüge dabei sehr. Schließlich wusste schon Aristoteles, dass Geselligkeit in der Sozialnatur des Menschen liegt. Egal ob introvertiert oder extrovertiert pflegen wir lieber ein freundliches Miteinander, anstatt alleine zu sein.

Social Distancing

Nicht nur der fehlende physische Kontakt strapaziert unsere Freundschaften: Dazu kommt die allzeit lauernde unsichtbare Krankheit, die auch vor unseren Liebsten nicht zurückschreckt. 50 Prozent der Befragten des so genannten Corona-Reports, den das Online-Marktforschungsunternehmen Appinio in regelmäßiger Aktualisierung herausgibt, gaben an, dass es eine ihrer größten Sorgen ist, Familie oder Freunde anzustecken. 35 Prozent haben Angst, selbst infiziert zu werden. „Wir haben in diesem Moment eine habituelle Ängstlichkeit. Der andere ist potenziell ein Feind, nicht weil er persönlich etwas gegen mich hat, sondern er könnte ein Überträger sein von einem Virus“, sagt Wirtschaftsjournalist und Kolumnist Rainer Hank im Future Talk des Netzwerks Global Digital Women (GDW). „Das müssen wir nach der Krise ganz schnell wieder verlernen.“ 

Gleichzeitig werden unsere Beziehungen durch den Umgang mit der Krise auf die Probe gestellt. Schon zu Beginn der Ausbreitung waren die Meinungen gespalten. Sage ich Einladungen ab oder gehe ich noch hin? Verabrede ich mich zum Kaffee oder lieber zum Telefonieren? Stoße ich an meinem Geburtstag mit mir selbst an oder mit anderen? Bestehe ich auf meine Freiheit oder schränke ich mich ein? 

Das Aufweichen der Regeln heizt die Diskussionen wieder an: „Die Lockerungen bedeuten eigentlich nur eine längere Kette, aber die Fußfessel liegt noch an“, beschreibt es Nils Erich bei ZEIT Online. Wir befinden uns also immer noch mitten in der Pandemie, haben aber etwas mehr Spielraum. Wie wir jedoch mit der Freiheit individuell umgehen, sorgt teilweise für Unverständnis. Starke Meinungen und gereizte Freundschaften sind das Ergebnis. „In dieser Situation ist es völlig normal, dass man extrem reagiert“, so die Psychologin Anabel Spiess. 

Ein Dauer-Trend oder zeitlich begrenzt? 

Wie wird das Virus unsere Freundschaften also nachhaltig verändern und werden wir jemals wieder unbesorgt zusammen sein? „Soziale Distanz, die jetzt von uns allen gefordert wird, physische Distanz vor allem, das kann, soll und wird nicht die Normalität bleiben“, sagt Rainer Hank dazu. In der Freizeit, so sagt er, werden wir wohl am ehesten in die schöne alte Welt zurückkommen. 

Derweil können wir auch in dieser Zeit unsere Freundschaften pflegen und vertiefen, wenn vielleicht auch nicht jede. Wie man so schön sagt: Wahre Freunde gehen zusammen durch dick und dünn. Dabei sind mit dick nicht die Pfunde, sondern ist besonders dichtes Gestrüpp gemeint. Und das passt gerade ganz gut, wenn man bedenkt, dass wir alle gerade Angst haben, zu stolpern oder überrumpelt zu werden, weil wir nicht voraussehen können, was uns als Nächstes erwartet. Gewissermaßen befinden wir uns gerade also auf einem Spaziergang durch den Wald. Und der ist deutlich weniger gruselig, wenn uns jemand auf dem Weg begleitet.


MACHT UNS DIE PANDEMIE ZU GEDULDIGEREN KONSUMENT*INNEN?

WIE VERÄNDERT DIE PANDEMIE UNSEREN MEDIENKONSUM UND INFORMATIONSFLUSS?

Carlotta Schaffner, Otto Group Digital Solutions

 

 
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